Archiv für Februar 2007

Tim Fischer in Dresden - Adam Schaf hat Angst

Montag, 26. Februar 2007

Am Ende der Vorstellung gab es stehende Ovationen. Nicht enden wollend - begeisterter Applaus für ein Stück an dessen Ende das Ende der Poesie gefordert wird. Wenn Tim Fischer die Wortwelt Georg Kreislers aufnimmt, ’nichtarische Arien’ über das ’Taubenvergiften im Park’ singt, dann entsteht Musik zum Fürchten und Hoffen zugleich.

Unter dem Motto ’Adam Schaf hat Angst’ lässt ein alter Schauspieler sein Leben Revue passieren. Er ist wirklich alt, hat eine zersauste graue Haarmähne und geht gebrochen auf der Bühne umher. Zwei Stunden hat er - in veränderten Rollen wieder jung geworden - Zeit sich zu erinnern und zu vergessen, bevor er auf der Bühne als Haushofmeister seinen schweren Stock auf den Boden schlagen darf. Zwei Stunden hört das Publikum von verlogenen Rollen, von der abtötenden Gewohnheit des Gelebtwerdens, vom ’Arschkriechen’ als Erfolgsrezept des deutschen Staatsbeamten und der Politiker, vom Weg zur Arbeit, von Chefs und Nicht-Chefs, vom schwulen Sekretär, vom Lachen, von Liebe und Sex. Es werden Fragen gestellt und auf überraschende Weise beantwortet und als Höhepunkt des Ganzen singt Fischer zu Mozarts ’Kleiner Nachtmusik’ vom Sinn des Theaters/der Oper: Augen Aufmachen und sich umsehen oder Augen Zumachen und durch. Bloß Nicht Hinhören, blos kein Bruckner, Mahler, Hindemith etc., da könnte man Hinhören müssen. Mozart und Nicht Hinhören…, da geht der Theatergenuß grad noch. Derart beschwingt verlief dieser Abend als eigentlich bitterböse Satire auf die Bühne und das Leben.

Fischer hat mit diesem Stück 2002/2003 am Berliner Ensemble riesige Erfolge gefeiert. Obwohl das Stück nicht so unter die Haut geht wie andere Kreisler-Interpretationen von Fischer, so ist es wahrscheinlich aufgrund der Leichtigkeit so erfolgreich, die dem Gallig-Bitteren der Kreisler Texte gegeben wird.

Nachdem Tim Fischer im letzten Jahr gleich zwei Mal in Dresden war, gibt es auf jeden Fall Hoffnung, dass es auch 2007 zu einem zweiten Auftritt in Dresden kommt!

Das Stück wurde aufgeführt im Dresdner Staatsschauspiel am 25.02.2007.

Michael Brey

Der moderne Faust

Mittwoch, 21. Februar 2007

In seinem Theaterstück ‘Geometry of Miracles’ (1998) beschreibt der kanadische Autor Robert Lepage Frank Lloyd Wright als einen Art modernen Faust. In der Wüste von Arizona trifft im Jahr 1929 der Architekt auf den Teufel. Frank Lloyd Wright sitzt vor seinem Zeichenpult, der Teufel will wissen, wer er sei: “Ich bin der größte lebende Architekt, und habe alles bereits erforscht, was es in meinem Beruf zu erforschen gibt.”

Die Lichtgestalt der Architektur vernimmt nichts von den dunklen Wünschen des Anderen. Der Teufel will einen Pakt mit dem Genie schließen. So stellt er die Frage: “Wie kann man aus einer geraden Linie eine dreidimensionale Form machen?” Er verspricht Frank Lloyd Wright die Jugend wieder zu geben, wenn er diese Frage beantworten könne. Mit den Worten “That’s easy” zeichnet Wright eine Spirale. Das Lösen dieser im Jahre 1929 teuflischen Aufgabe (Architektur der Geometrie und Sachlichkeit!) wäre eine Erklärung - aber eben keine besonders rationale - für den erstaunlichen Spätruhm Wrights.

Wahrscheinlich hat der Teufel aber den menschlichen Ausspruch “Alle guten Dinge sind drei” nicht gekannt. Sonst hätte er Wright viel eher gefragt, wie man aus den drei Dimensionen einer Spirale eine Dimension entferne. Hätte Wright, der für seine Spirale im Guggenheim Museum in New York berühmt wurde, diesen Frevel wirklich auf sich genommen?

Jetzt, in nach-dekonstruktivistischer Zeit ist alles möglich. Seien wir auf der Hut!

Michael Brey