Alt und Neu im Schloss von Dresden - die Logik der Fragmente

Eindrucksvoll wiederlegt die schon jetzt sichtbare Stahlkonstruktion des neuen Entrees der Staatlichen Kunstsammlungen die vermeintliche Historizität des Dresdner Schlosses. Gestern wurde das Richtfest dieser beeindruckenden, von Peter Kulka entworfenen Zutat zum Schloss gefeiert. Das Schloss mit seinem subtilen Zusammenspiel aus Renaissanceinnenhöfen aus dem sechzehten Jahrhundert und Neorenaissancefassaden aus dem späten neunzehnten Jahrhundert wird damit zur Assemblage aus Großfragmenten verschiedener Zeiten.
Der Schweizer Architekt Bernard Tschumi beschrieb in seinem Buch ‘Event Cities’ die Bedeutung des Fragments in der Architektur mit den Worten: ‘Das Fragment gibt den Elementen Autonomie und macht es gleichzeitig einfacher ihre relative Bedeutung im Gesamtzusammenhang zu erkennen’ (aus dem Englischen, Event Cities, 3. Ausgabe, 1996, S. 305). Als Fragment versteht Tschumi dabei nicht nur im klassischen Sinne kleinräumliche Architekturelemente. Auch über einem großen Raster entstande Gebäude und Ensembles können den Charakter des Fragmentarischen erhalten, wenn ihr früheres Ganzes reduziert und räumlich in einen neuen Zusammenhang gestellt wird.
Spannungsvoll ist nicht nur die Außenansicht der stählernen Rauten im Zusammenspiel mit den steilen Dachfirsten des Schlosses. Noch kontrastreicher dürfte ab Anfang 2009 der Besucher des Dresdner Schlosses die klare Trennung des Renaissanceinnenhofes von der darüber gleichsam frei schwebenden Überdachung empfinden. Da keine Eingriffe in die Substanz der Arkaden des Kleinen Schlosshofes sichtbar vorgenommen werden durften, musste die selbsttragende Überdachung letztlich auf dem Dachfirst zu liegen kommen. Dies bedingt auch die anfangs nicht geplante Höhe der Stahlkonstruktion von 34 Metern und ihre deutliche Sichtbarkeit von außen. Das Gewicht der Kuppel beträgt beträchtliche 84 Tonnen.
Mit der Eröffnung des neuen Entrees des Dresdner Schlosses Anfang 2009 geht der Ausbau der Anlage zum Museumsschloss mächtig voran. Mitte der 1980er Jahre begann man mit ersten Arbeiten im Zusammenhang mit einer geplanten Rekonstruktion, so dass nach 1990 recht schnell mit den ersten sichtbaren Wiederherstellungsarbeiten am Schloss begonnen werden konnte. Bereits am 2. Oktober 1991 konnte der 101m hohen Hausmannsturm vollendet werden. Bis jetzt sind etwa 222 Millionen von bis 2013 geplanten 337 Millionen Euro (DNN, 04.06.08) in den Wiederaufbau geflossen.
Auch bei der Konzeption der Museen (s. Historisches und Neues Grünes Gewölbe) und im Einzelentwurf der Innenräume werden die historischen Schichten weit zurückliegender und zeitgenössischer Elemente glasklar von einander getrennt und sich dabei gegenübergestellt. So kann der Besucher gleichsam beim Simultanblick die spannungsvolle historische Dimension und Poesie der Dresdner Schlossanlage nachempfinden und dem Ensemble mit all seiner Schönheit und seinen Wunden Gerechtigkeit wiederfahren lassen.
Michael Brey