Archiv für September 2008

Der Blüherpark - Denkmal zwischen den Welten

Montag, 08. September 2008

Dresden, ZinzendorfpalaisEinige hundert Meter außerhalb der sicheren Stadtmauer ließ sich Freiherr von Rechenberg 1639 einen Garten und eine ländliche Schlossanlage bauen. Günstig war die Lage am Kaitzbach, der den Garten und das Schlösschen mit gesundem Wasser versorgte, bevor es in der Stadt Dresden mit Fäkalien und Müll verunreinigt wurde.  Mehr Bilder

Heute kaum vorstellbar, diente der Garten seit 1682 unter seinem neuen Besitzer Johann Georg III. für aufwendige höfische Festlichkeiten. So wurden auf einem 280 m langen Kanal Gondelfahrten veranstaltet. Sechs Jahre später schenkte der Kurfürst einen Teil des Gartens der Hofdame Margarete Susanne von Zinzendorf, einer Geliebten des Kurfürsten. So erhielt die Anlage den Namen ‘Zinzendorfscher Garten’ ohne dass die Namensbezeichnung auf den Begründer der Herrnhuter Brüdergemeinde, den Grafen Zinzendorf, Bezug nimmt. Formal gesehen erlebte die Anlage zu dieser Zeit den Höhepunkt ihrer Bedeutung. Sie war neben dem neu entstehenden Großen Garten der Hauptschauplatz bedeutender Festlichkeiten im ländlichen Bereich außerhalb der Stadt Dresden.

Dann kommt die Katastrophe des Siebenjährigen Krieges. Der Große Garten und der Zinzendorffsche Garten werden von den kriegerischen Ereignissen enorm in Mitleidenschaft gezogen.

So beginnt mit dem neuen Besitzer Johann Georg Chevalier de Saxe 1764 eine neue Ära des Gartens. Der Kanal wird eingeebnet und ein ins Landschaftliche aufgelöster französischer Garten angelegt. Nur kurze Zeit später führt Johann August Giesel den Kaitzbach in der Hogarthschen ‘line of beauty’ in kleinteiligen, artifiziellen Windungen durch den Garten. Zahlreiche Kleinarchitekturen entstehen, die ganz die litarisch induzierte Natursehnsucht des höfischen Publikums reflektieren. EIne Eremitage mit Hauskapelle entsteht 1779, der Besucher kann über das der antiken Architektur inhärente Naturparadigma beim Anblick eines im Wasser versunkenen antiken Tempels reflektieren. Natürlich besaß der Garten auch die unumgänglich notwendigen Accessoires wie Volieren und unterschiedlichen Themen und Funktionen gewidmete Pavillions.

Hatten im 18. Jahrhundert noch Kriege die alten Städte zerstört, so übernahm im 19. das Bevölkerungswachstum diese Aufgabe. Ende der 1880er Jahre entsteht eine Ost-West Magistrale in der Dresdner Altstadt, der der nördliche Teil des Gartens zum Opfer fällt. Einer der Torpavillons von 1889 ist noch nördlich des Hygienemuseums vorhanden (Foto). Im Jahre 1888 wurde der nördliche Teil des Gartens wegen des Baus der Johann-Georgen-Allee verkauft.

Vierzig Jahre später führt der Bau des Hygienemuseums (Foto) zur Auflösung des südlichen Fragments des Gartens. Die Stadt Dresden hatte damals 3ha Land des Gartens erworben, um das Museum auf der Fläche bauen zu können.

Das von Krubsacius ab 1764 erbaute Palais sowie der Rest des unter dem Namen ‘Blüherparks’ zum Volksgarten umgestalteten ehemaligen Zinzendorffschen Gartens werden im zweiten Weltkrieg zerstört und samt der erhaltungsfähigen künstlichen Ruine 1963 abgetragen. Zahlreiche Vasen aus der Gartenanlage stehen heute im Großen Garten. Die Stadt befindet sich im Gespräch mit dem Land über die notwendige Umsetzung der Skulpturen auf städtischen Grund in den Blüherpark.

70.000 Euro wurden für die Rekonstruktion des südlichen Abschnitts des Blüherparks aus EU-Mitteln aufgewendet, 200.000 Euro kamen aus dem städtischen Haushalt. DIe Rekonstruktion von vier barocken Figuren sind durch den Nachlass einer ehemaligen Dresdnerin in Höhe von 230.000 Euro finanzierbar.

Die Rekonstruktion des Gartens hat im Wesentlichen die Fassung von 1930 zum Ziel. Eine Wiederherstellung des nördlichen Parkanteils soll folgen.

Einmal mehr macht sich die spezifische Denkmalsqualität Dresdner Artefakte im Umfeld der ‘historischen’ Altstadt bemerkbar. Es sind Denkmale, die zum Sehen des Unsichtbaren erziehen.

Michael Brey

Böttgers Flucht

Sonntag, 07. September 2008

Als Johann Friedrich Böttger von August dem Starken nach Dresden verbracht wurde, war er  noch nicht einmal 20 Jahre alt. Sein kurzes Leben allerdings bot schon jetzt ausreichend Stoff für einen spannenden historischen Roman.

Als Sohn des Münzmeisters von Schleiz war Böttger 1682 geboren worden. Seine Eltern verließen allerdings schon bald Schleiz. Böttger ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Noch eingreifender als der Ortswechsel in das von der Pest und anderen Seuchen geplagte Magdeburg, wirkte sich der Tod des Vaters kurz nach dem Umzug aus. Wie verzweifelt musste Ursula Böttger nach einem möglichen Ausweg aus der Misere gesucht haben.

Böttgers Mutter heiratete schon bald wieder. Drei Jahre waren seit dem Tod des Ehemannes vergangen, als Johann Friedrich Tiemann als neuer Stiefvater ins Leben Böttgers trat. Es scheint, dass Tiemann seinen Stiefsohn in außergewöhnlicher Weise förderte. Tiemann selbst war Beamter beim Festungsbauwesen in Magdeburg und vermittelte dem begabten Jungen schon früh tiefgehende naturwissenschaftliche Kenntnisse. Die Entscheidung Böttger im zarten Alter von 14 Jahren nach Berlin in die Lehre des Apothekers Zorn zu geben, belegt das Vertrauen von Mutter und Stiefvater in die Fähigkeiten des Kindes. Die Apotheke von Zorn lag dicht neben der Nikolaikirche in Berlin.

Während die Vorstellungen der Eltern sicher darauf hinausgingen, dass er Arzt wird, beginnt sich Böttger in Berlin immer mehr für die Alchemie zu interessieren. Vor dem Leipziger Tor experimentierte damals Christian Siebert, der auf der Suche nach dem Stein des Weisen war. Böttger verlässt schon nach zwei Jahren die Zornsche Apotheke, kehrt aber auf dem Weg nach Breslau um. EIn Jahr später verlässt er wieder die Apotheke von Zorn. Vermutlich beeinflusst von Siebert, war Böttger selbst in den magischen Strudel der jahrhundertealten Suche nach dem Stein des Weisen geraten. Als er dann den vermeintlich griechischen Mönch Lascaris kennenlernte, gab dieser ihm eine ‘Rote Tinktur’. Diese sollte die Transmutation, also die Verwandlung von Grundmetallen in Gold, möglich machen.

In der Apotheke seines Lehrmeisters Zorn belegt Böttger am 1. Oktober 1701 seine Fähigkeit Gold herzustellen. Er hatte silberne Münzen in solche aus Gold verwandelt.

Als der preußische König auf Böttger aufmerksam wird, lädt er ihn in das Berliner Schloss vor. Böttger weiß, was mit hochstapelnden Alchemisten geschieht. Ihnen droht die Folter oder gar die Todesstrafe. So flieht er ins sächsische Wittenberg zu seinem Onkel Kirchmeier. Böttger wird nun zum Grund politischer Verwicklungen zwischen Preußen und Sachsen.

Der preußische König schickt Soldaten nach Wittenberg, die Böttger zurückbringen sollen. Der Amtshauptmann Wittenbergs hat Böttger allerdings festsetzen lassen und verweigert die Herausgabe Böttgers an die Preußen.  Böttger sei in Schleiz geboren und damit sächsischer Staatsbürger. Am 20. November veranlasst August d. Starke in einem Schreiben einen seiner engsten Vertrauten, Egon von Fürstenberg, die Verlagerung des vermeintlichen Goldmachers aus Wittenberg ins sichere Dresden.

Dort trifft Böttger nur knapp 2 Monate nach seinem berühmt gewordenen Berliner Transmutationsversuch am 29. November ein. Direkt an der heutigen Brühlschen Terrasse befand sich damals das Palais des Statthalters von Fürstenberg, wo Böttger zusammen mit den Bergleuten Pabst von Ohain und Dr. Nehmitz eingesperrt wird. Der Statthalter und die beiden Bergleute sollen die Glaubwürdigkeit Böttgers prüfen. Böttger kann den Statthalter von seinen Fähigkeiten überzeugen. Damit beginnt die Tragödie von Böttgers Leben und die Geburt des Europäischen Hartporzellans.

Michael Brey