Archiv für die Kategorie ‘Aktuelles’

Neue Zahlen vom Dresdner Hotelmarkt

Montag, 18. August 2008

2006 war ein Ausnahmejahr für den Tourismus in Dresden. Die Frauenkirche ist Ende 2005 eröffnet worden, was sich auf die Tourismuszahlen erst 2006 positiv auswirken konnte. Am 11. September 2006 kommt die Eröffnung des historischen Grünen Gewölbes hinzu. Es schien, dass sich nach dem verheerenden Einbruch des Reiseverkehrs in Dresden in Folge der Flut 2002 nun wahrhaft die Schleusen geöffnet hätten zu besseren Tourismuszahlen.

Nun war aber schon im letzten Jahr ein wenig der Katzenjammer zu spüren, als die neuesten Zahlen der ankommenden und der übernachtenden Reisegäste veröffentlicht wurden. Die Rückgänge wurden hinwegerklärt mit dem Verweis auf den Ausnahmecharakter des Tourismusjahres 2006. Ein Jahr später wiederum gilt dieses Deutungsmuster nicht mehr. Denn 2007 war kein Ausnahmejahr und dennoch fielen entscheidende Kennzahlen für das erste Halbjahr 2008 bereits jetzt verheerend aus.

Im neuesten Report des Unternehmens PKF hotelexperts über den deutschen Hotelmarkt (http://www.pkfhotels.com/) fiel die Zimmerbelegung im ersten Halbjahr 2008 (57,9 %) um knapp 10% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 1. Halbjahr 2007 (67,3%). Während die Zimmerbelegung im Vergleichszeitraum etwa in Leipzig um über 4% zunahm (1. Halbjahr 2007: 64,4 % / 1. Halbjahr 2008: 68,7%) hatte Dresden sich völlig entgegen dem Trend entwickelt. Der RevPar sei in Dresden gar um 16 % gefallen, während er in Leipzig, Berlin, Düsseldorf, Nürnberg, Stuttgart und den meisten andern Schwergewichten unter den wichtigsten Destinationen für Städtereisen in Deutschland kräftig gestiegen sei. In Düsseldorf als Spitzenreiter unter den RevPar-Zuwächsen legte der Wert um über 50% zu. Neben Dresden ist nur in München unter den 10 wichtigsten städtischen Tourismusdestinationen in Deutschland der RevPar mit knapp über 6% gesunken. Dresden hält für das erste Halbjahr 2008 allerdings leider den Negativrekord.

Was wird eigentlich mit dem RevPar als Kennzahl kommuniziert? Der Revpar gibt den Erlös pro verfügbarem Zimmer an. Mit diesem Wert kann man Hotels unterschiedlicher Größe vergleichen und erhält so einen validen Überblick über den gesamtdeutschen Hotelmarkt. Nehmen wir ein rechnerisch leicht nachzuvollziehendes Beispiel: Von den 100 Zimmern eines Hotels sind 50% belegt. Der Durchschnittspreis aller Zimmer beträgt 100,- Euro. Der Tageserlös von 5.000 Euro wird nun durch die Gesamtzahl der verfügbaren Zimmer geteilt und so erhält man den RevPar, die ‘revenue per available room’ (= Umsatz je verfügbarem Raum).

Nun lag der Revpar für den Dresdner Hotelmarkt mit 54,53% für das erste Halbjahr 2007 eher im Mittelfeld in Deutschland. Der Spitzenreiter München etwa verfügte im Vergleichszeitraum über einem RevPar von 78,17. Leipzig lag übrigens abgeschlagen bei 37,76. Nur noch Dortmund war vergleichbar mit Leipzig unter den ersten Zehn des deutschen Städtetourismus mit einem RevPar von 37,05. Dortmund und Leipzig lagen für das erste Halbjahr 2008 gleichauf mit einem RevPar von knapp über 43. Während also Dortmund und Leipzig stark zugelegt hatten fiel der RevPar in Dresden von 54,53 auf 45,82, Tendenz wohl weiter fallend.

Und hier kommen wir zum Hauptpunkt. Auch wenn der RevPar ein durchaus volatiler Wert ist und ständigen, zuweilen sehr hohen Schwankungen unterliegt, so wird sich für Dresden in absehbarer Zeit wenig ändern. Das Signal in die falsche Richtung ist die öffentliche Förderung des Beherbungssektors in Dresden. Damit wird sich der Dresdener Hotelmarkt strukturell weiterhin in die falsche Richtung bewegen. 

Aufgrund von beträchtlichen Investionszulagen wächst der Dresdner Hotelmarkt derzeit über die Maßen stark. Der Neubau von Hotels wird bis zum 31.12.2009 (Investionsbeginn; Abschluss 01.01.2010) mit erheblichen Zulagen gefördert. So werden bis Anfang nächsten Jahres trotz der mittelfristig trüben Aussichten für den Hotelmarkt in Dresden zahlreiche weitere Herbergen entstehen. Alleine der neue PKF Report lässt alle Alarmglocken klingeln. Entstehen weitere Beherbergungsstätten, werden die Hotels weitaus weniger Zimmer als bisher vermieten können oder den Preis pro Zimmer herabsetzen, um wenigstens die Auslastung zu halten und mit positiver strategischer Ausrichtung auf dem Markt platziert zu sein.

Damit wird sich in den nächsten Jahren das Profil der Nachfrage nach Dresdenreisen ändern. Es werden zunehmend weniger Gäste die Stadt aufgrund ihres kulturellen Gehalts besuchen. Semperoper, Grünes Gewölbe und Frauenkirche werden zwar weiter wichtige Faktoren für die Kaufentscheidung einer Dresdenreise bleiben. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Übernachtungsgäste wird der Anteil der Kulturreisenden allerdings merklich abnehmen.  

Michael Brey

Trübe Aussichten an der Elbe

Sonntag, 06. Juli 2008

Waldschlösschenbrücke Dresden am 3.07.08

Das befürchtete Finale war doch nur ein Halbfinale, allerdings mit klarem Ausgang. Die Unesco hat Dresden noch nicht den Welterbetitel abgesprochen, wird dies allerdings im Sommer 2009 tun. Am Freitag Nacht (4.07.08) wurde die überraschende Nachricht publik, dass die Stadt noch ein Jahr auf der Liste der gefährdeten Welterbestätten verbleiben wird. Für den weiteren Erhalt des Welterbetitels fordert die Unesco allerdings den sofortigen Baustopp der Brücke und den Rückbau der bereits begonnenen Maßnahmen. Die designierte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) lässt keinen Zweifel an ihrer Haltung zu dieser Entscheidung: “Für mich ist der Beschluss verbunden mit dem Titelverlust. Es ist doch unrealistisch, eine halbfertige Brücke zurückzubauen und den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.” (DNN, 5./6.07.08) Aufgrund einer ähnlich starren und phantasielosen Haltung wurden auch in der Vergangenheit von Seiten der Staatsregierung alle Optionen verspielt, Handlungsspielraum gegenüber der Unesco zu gewinnen. Dieser Politikstil scheint im August auch im Dresdner Rathaus Einzug zu halten.

Michael Brey

Dresden im Finale - Die Waldschlösschenbrücke

Dienstag, 01. Juli 2008

Heute wurden die Fußballhelden der Europameisterschaft, die am Ende doch verloren, in Berlin am Brandenburger Tor von mehr als 100 000 Menschen gefeiert.

Auch Dresden steht in dieser Woche ein Finale bevor. Anders als unsere Fußballer wird Dresden sich am Ende aber nicht darüber wundern können, wie es gesiegt und doch verloren hat. Nicht siegessicher gehen wir in dieser Stadt in dieses Finale. Wenn uns eines gewiß ist, dann ist es die finale Niederlage und die Gründe dafür.

Fehlende Streitkultur

Es ist ein Verlust auf vielen Ebenen. Es geht nicht nur um einen Statusverlust. Die Dresdner Elblandschaft ist sicher auch ohne Welterbe-Prädikat bezaubernd. Auch wenn ich im fatalen Bürgerentscheid von 2005 für den Bau der Brücke gestimmt habe, würde ich dies heute anders entscheiden. Dass die Elblandschaft ihren naturnahen Charakter mit dem Bau der Brücke verlieren wird, darüber bin ich mir mittlerweile sicher.
Am Ende dieses Streits um den Brückenbau beklage ich vor allem die fehlende Diskursivität in dieser Stadt und das Versagen demokratischer Strukturen. Entscheidungsfindung scheint auf dem Recht des Stärkeren zu beruhen, nicht auf ständig sich erneuernder Reflexion über Bedingungen und Möglichkeiten der Weiterentwicklung des Gegebenen.

So ähnlich konstatiert auch Hans-Peter Lühr in seiner Vorbemerkung zum jüngsten Dresdner Heft seine Enttäuschung über die Entwicklung im Fall ‘Waldschlösschenbrücke’. Ausgabe 94 der Dresdner Hefte ist denn auch sinnigerweise den ‘Dresdner Elbbrücken in acht Jahrhunderten’ gewidmet.

Von der ‘Fata Morgana’ zur Realität

Im Rahmen der Geschichte der Dresdner Elbbrücken hat die Waldschlösschenbrücke seit dem Auftreten der ersten Planungen im Jahr 1935 etwas Märchenhaftes. Ich meine damit, dass das Projekt über sechzig Jahre lang wie eine Fata Morgana am Elbufer stand und aufgrund seiner Überdimensioniertheit trotz aufwendiger Baugrunduntersuchungen im Dritten Reich nicht zur Realisierung gekommen ist.

Über drei Jahrzehnte später wird eine Brücke im Waldschlösschenareal in den Generalverkehrsplan der Stadt Dresden aufgenommen. Damit war man im Jahr 1970 wieder auf das Dresdner Schlossgespenst aufmerksam geworden. Ende der siebziger und Mitte der achtziger Jahre kommt es zu mehreren Umplanungen, die 1988 das Finale erreichen. Das Ministerium für Verkehrswesen der DDR beschließt den Bau einer Brücke für die Zeit nach 1990.

Über die Vollstreckung des Verdikts über die Dresdner Kulturlandschaft seit der politischen Wende gibt die ‘Chronik von Planung und öffentlicher Auseinandersetzung’ zum Bau der Waldschlösschenbrücke im neuesten Dresdner Heft (S. 70 ff.) vorzügliche Auskunft.

Der Schiedsrichter verlässt das Feld

Im Jahr 2005 wurde das Welterbe-Kuratorium als Gremium ins Leben gerufen, dessen 20 Mitglieder die Bewahrung und Weiterentwicklung des Dresdner Welterbes aktiv betreiben sollten. Gestern hatten die Mitglieder eine Pressekonferenz anlässlich der bevorstehenden Entscheidung der Unesco zum Dresdner Welterbe zum Anlass genommen, das finale Versagen der Verwaltung und der Politik offenkundig werden zu lassen.

Das Dresdner Welterbe-Kuratorium mit seinem Vorsitzenden Ingo Zimmermann sehe keine Möglichkeit mehr sein Mandat wahrzunehmen, hieß es bei der heutigen Pressekonferenz. Deshalb wollen die Mitglieder von ihrem Mandat entbunden werden. Sowohl Ministerpräsident Tillich, als auch Bundeskanzlerin Merkel und die designierte Oberbürgermeisterin Orosz ließen keinen Zweifel am Weiterbau der Brücke und am einkalkulierten Verlust des Welterbetitels aufkommen.

Mitte Mai habe das Kuratorium einen Brief an den Nachfolger Milbradts geschrieben und um ein Gespräch über die prekäre Lage gebeten. Er sei unbeantwortet geblieben.

Michael Brey

Rallye Dresden - Breslau 2008

Dienstag, 01. Juli 2008

Rallye Dresden - Breslau

Am 28. Juni ertönte vor der betörenden Silhouette der Dresdner Altstadt der Startschuss zu einer der härtesten Rallyes in Europa. Fahrer aus 14 Nationen legen bis 5. Juli unter schwierigsten Bedingungen insgesamt 2.200 km zurück. Dabei stellen die 1.600 offroad-km mit steilen Auf- und Abfahrten, Wasserdurchfahrten, Schrägfahrten und tiefen Schlammpassagen die größten Herausforderungen dar.

Michael Brey

18. Elbhangfest

Montag, 30. Juni 2008

Am Wochenende fand das 18. Elbhangfest unter dem Motto “Dreht sich’s zünftig, dreht sich’s künftig” statt. Wie jedes Jahr war es auch dieses Mal wieder ein Fest der Superlative. Etwa 400 Veranstaltungen belebten vom 27. bis zum 29. Juni die sieben Kilometer lange Festmeile. Die Organisatoren sprechen von etwa 80.000 Gästen.

Die Veranstaltungen reichten von Ausstellungen, Konzerten, Theatervorstellungen bis zu Lesungen in den Gärten der Bewohner. In den historischen Ortskernen und auf der Loschwitz und Pillnitz verbindenden Pillnitzer Landstraße boten Märkte und bunte Stände Antiquitäten, Holzschnitzereien, Kleidung und vor allem viel zum Essen und Trinken an.

Bei all der Betonung des Traditionellen und einer gewissen vergangenheitsbezogenen heilen Welt, fielen doch zahlreiche Fahnen an den Häusern mit der Aufschrift ‘Welterbe erhalten’ auf. Schade, dass diese Dissonanz von den Veranstaltern so völlig ausgeklammert worden ist.

Michael Brey

Alt und Neu im Schloss von Dresden - die Logik der Fragmente

Mittwoch, 04. Juni 2008

Das Dresdner Residenzschloss, 5. Juni 2008

Eindrucksvoll wiederlegt die schon jetzt sichtbare Stahlkonstruktion des neuen Entrees der Staatlichen Kunstsammlungen die vermeintliche Historizität des Dresdner Schlosses. Gestern wurde das Richtfest dieser beeindruckenden, von Peter Kulka entworfenen Zutat zum Schloss gefeiert. Das Schloss mit seinem subtilen Zusammenspiel aus Renaissanceinnenhöfen aus dem sechzehten Jahrhundert und Neorenaissancefassaden aus dem späten neunzehnten Jahrhundert wird damit zur Assemblage aus Großfragmenten verschiedener Zeiten.

Der Schweizer Architekt Bernard Tschumi beschrieb in seinem Buch ‘Event Cities’ die Bedeutung des Fragments in der Architektur mit den Worten: ‘Das Fragment gibt den Elementen Autonomie und macht es gleichzeitig einfacher ihre relative Bedeutung im Gesamtzusammenhang zu erkennen’ (aus dem Englischen, Event Cities, 3. Ausgabe, 1996, S. 305). Als Fragment versteht Tschumi dabei nicht nur im klassischen Sinne kleinräumliche Architekturelemente. Auch über einem großen Raster entstande Gebäude und Ensembles können den Charakter des Fragmentarischen erhalten, wenn ihr früheres Ganzes reduziert und räumlich in einen neuen Zusammenhang gestellt wird.

Spannungsvoll ist nicht nur die Außenansicht der stählernen Rauten im Zusammenspiel mit den steilen Dachfirsten des Schlosses. Noch kontrastreicher dürfte ab Anfang 2009 der Besucher des Dresdner Schlosses die klare Trennung des Renaissanceinnenhofes von der darüber gleichsam frei schwebenden Überdachung empfinden. Da keine Eingriffe in die Substanz der Arkaden des Kleinen Schlosshofes sichtbar vorgenommen werden durften, musste die selbsttragende Überdachung letztlich auf dem Dachfirst zu liegen kommen. Dies bedingt auch die anfangs nicht geplante Höhe der Stahlkonstruktion von 34 Metern und ihre deutliche Sichtbarkeit von außen. Das Gewicht der Kuppel beträgt beträchtliche 84 Tonnen.

Mit der Eröffnung des neuen Entrees des Dresdner Schlosses Anfang 2009 geht der Ausbau der Anlage zum Museumsschloss mächtig voran. Mitte der 1980er Jahre begann man mit ersten Arbeiten im Zusammenhang mit einer geplanten Rekonstruktion, so dass nach 1990 recht schnell mit den ersten sichtbaren Wiederherstellungsarbeiten am Schloss begonnen werden konnte. Bereits am 2. Oktober 1991 konnte der 101m hohen Hausmannsturm vollendet werden. Bis jetzt sind etwa 222 Millionen von bis 2013 geplanten 337 Millionen Euro (DNN, 04.06.08) in den Wiederaufbau geflossen.

Auch bei der Konzeption der Museen (s. Historisches und Neues Grünes Gewölbe) und im Einzelentwurf der Innenräume werden die historischen Schichten weit zurückliegender und zeitgenössischer Elemente glasklar von einander getrennt und sich dabei gegenübergestellt. So kann der Besucher gleichsam beim Simultanblick die spannungsvolle historische Dimension und Poesie der Dresdner Schlossanlage nachempfinden und dem Ensemble mit all seiner Schönheit und seinen Wunden Gerechtigkeit wiederfahren lassen.

Michael Brey

Die ‘Waldschlösschenbrücke’ - Mehrheit für den Brückenbau?

Mittwoch, 11. April 2007

“Mehrheit der Dresdener für Brückenbau”, so heißt es in einer Nachricht auf der 1. Seite der Sächsischen Zeitung am 11.04.2007. In einer Grafik wird veranschaulicht, dass 56 % der Dresdner für den Brückenbau wären, 37 % seien dagegen. Die Fragestellung lautete: “Soll mit dem Bau der Waldschlösschenbrücke begonnen werden?”. Durchgeführt wurde die Umfrage vom Leipziger Institut für Marktforschung.

Dieses Ergebnis erstaunt angesichts der Gesamtstimmung in der Stadt. Trotz der prominenten Platzierung des Umfrageergebnisses und des Umfangs des Artikels werden leider die Grundlagen für die Befragung nicht benannt.

Die Aussage dieser Nachricht ist problematisch. Bei Befragungen sind immer Rückschlüsse von einer Teilmenge auf eine Gesamtheit vorzunehmen. Entscheidend ist, dass der Querschnitt der Befragten eine repräsentative Aussage zulässt. Da keinerlei Informationen zum Hintergrund der Umfrage benannt werden, stellt sich am Ende die Frage nach dem Sinn und Zweck des Artikels.

Der Artikel kommt mit wissenschaftlichem Anspruch daher, steht aber einem meinungsorientierten Leitartikel näher als einer faktenorientierten Nachricht. Es ist zu hoffen, dass der geringe Nachrichtengehalt und der hohe Meinungsgehalt des Textes vom Leserpublikum kritisch zur Kenntnis genommen wird.

Die ‘Waldschlösschenbrücke’ - April, April

Donnerstag, 05. April 2007

Vor fast genau einem Jahr war die Welt in Dresden noch einigermaßen in Ordnung. Wir hatten noch unseren Alten Oberbürgermeister und Dresden war stolz auf seinen Welterbetitel.

Der Oberbürgermeister – inzwischen vom Dienst suspendiert – konstatierte Anfang April 2006, daß in spätestens zehn Jahren ein Neubau des ‚Blauen Wunders’ nötig sei. Diese Elbbrücke verbindet die Stadtteile Blasewitz und Loschwitz und war gerade in „Der Rote Kakadu“ zum Filmstar avanciert. Einen Filmstar sollte man allerdings nicht vorzeitig ins Grab schicken. Warum also dieser schreckenserregende Verweis auf den Verlust eines Dresdner Wahrzeichens.

Ingolf Roßberg reagierte damit auf die von der TU Aachen angefertigte Visualisierung der Waldschlößchenbrücke und wandte sich damit gegen die Kritik der Unesco, diese Brückenplanung gefährde die Integrität des Welterbes. Im Sinne des Verkehrs müsse eine neue Brücke her.

Wie hat sich das Blatt inzwischen gewandelt. Endlich reagiert der Bund auf das Problem in Dresden, das zum Fiasko für das kulturelle Selbstverständnis der Deutschen zu werden droht. In einem Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten optiert ausgerechnet der Bundesverkehrsminister für eine welterbeverträgliche Brückenvariante und bietet sogar an, daß sich der Bund eventuell an den Mehrkosten beteilige.

Damit ist nun ein neues Kapitel eröffnet im Kampf um die Waldschlößchenbrücke und am Ende könnte sowohl die Staatsregierung als auch Dresden als Gewinner dastehen, was momentan aufgrund der divergierenden Haltung beider Seiten zum Brückenbau noch schwer vorstellbar ist.

Michael Brey

‘Wallenstein’ in Leipzig

Montag, 05. März 2007

In Dresden ist der ideale Aufführungsort für den Wallenstein der liebliche ‘Schillergarten’ an der Elbe, wo Schiller sich in die ‘Gustl von Blasewitz’ verguckt hat.

Siebenhundert Zuschauer haben nun am Wochenende den Auftakt zu Schillers ‘Wallenstein’ in Leipzig am Völkerschlachtsdenkmal erlebt, das in blaues Licht getaucht war. Ungewöhnlich war die gesamte Inszenierung der Trilogie durch Wolfgang Engel, der sie an drei unterschiedlichen Orten spielen ließ. Auch für den Abschluss hat er sich das Völkerschlachtsdenkmal ausgesucht. So wie Wallenstein am Ende noch einmal glaubt ein vom Schicksal Auserwählter zu sein, so steht das Völkerschlachtsdenkmal für die Selbstvergewisserung eines ganzen Volkes angesichts des nahestehenden Untergangs. Was für eine dramatische Ironie doch das Leben eines einzelnen Menschen wie zuweilen auch ganze Völker bühnentauglich bzw. Architekturwürdig macht.

Über Schillers Wallenstein sind wir alle noch aus Schulzeiten gut unterrichtet. Das Völkerschlachtsdenkmal hat es noch nicht so weit geschafft, obwohl es eigentlich bestes Anschauungsmaterial für geisteswissenschaftliche Betrachtungen aller Art bietet. Deshalb nun ein paar Gedanken zu diesem den Deutschen von heute mehrheitlich eher peinlichen Bauwerk.

Zwischen 1897 und 1913 wurde das Völkerschlachtsdenkmal vom Architekten Bruno Schmitz als ein Projekt von nationaler Bedeutung erbaut. Zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht, am 18. Oktober 1813, wurde es eingeweiht.

Denkmäler, die deutsche Geschichte im heroischen Sinne erfahrbar machen sollten, sind im neunzehnten Jahrhundert in großer Zahl entstanden. Leo von Klenzes Wahlhalla oder die Befreiungshalle bei Kehlheim sind frühe Beispiele. Das nach dem zweiten Weltkrieg gesprengte Kaiser-Wilhelm Denkmal in Berlin und das Kyffhäuser-Denkmal entstanden kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Bei früheren Denkmälern wurde die Stilfrage eher konventionell gelöst, mal neugotisch oder klassizistisch oder sogar neobarock, wie im Falle des Kaiser Wilhelm Denkmals. Am Kyffhäuser konnte man sich an der dort bestehenden Burgruine orientieren.

Anders nun das Leipziger Projekt, das ganz siegdeutsch aussehen und die deutsche Nation als Verkörperung der europäischen Urnation feiern sollte. Klassizistische Säulen früherer Entwürfe wurden eliminiert, der Bau wurde archaisiert und in den Formen zyklopisch vereinfacht.

Damit entzieht sich das Gebäude einer jeden stilgeschichtlichen Einordnung. Ich möchte jetzt aber nicht als Kunsthistoriker sprechen, sondern ein historisches Experiment machen.

Ziemlich genau zwei Jahre vor der Eröffnung des Völkerschlachtsdenkmals ist Wilhelm Dilthey in Seis bei Bozen gestorben. Er gehörte wohl nicht zu den Patrioten, die voller Begeisterung für das Nationaldenkmal spendeten.

Dilthey hatte 1883 mit seinem Werk “Einleitung in die Geisteswissenschaften” den Grundstein gelegt für das Konzept der Geisteswissenschaften als einer “Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen”. Er wendet sich dort gegen die dominierende Rolle der Naturwissenschaften in den wissenschaftstheoretischen Konzepten des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Wissenschaft ist für ihn Erfahrungswissenschaft. Historische Erkenntnisse lassen sich gewinnen, indem man eine Zeit zergliedert und nacherlebt. Damit hat Dilthey sich gegen jegliche ’Konstruktion’ von Geschichtsbildern gewandt wie sie gerade im Völkerschlachtsdenkmal zum Ausdruck kommen.

Hier lohnt es sich kurz inne zu halten. Transportiert das Völkerschlachtsdenkmal wirklich ein fest gefügtes Geschichtsbild? Wo sind die ansonsten üblichen Anspielungen auf Herrschergestalten. Warum erscheinen die siegreichen Gegner Napoleons nicht im Bild? Deshalb, weil man nicht nur deutsche Herrscher hätte zeigen können, sondern auch auf die beteiligten Österreicher und Russen hätte verweisen müssen? Vielleicht.

Für uns heute ist das Denkmal jedenfalls ein deutlicher Ausdruck des übersteigerten Irrationalismus und des Nihilismus einer Gesellschaft, die eher abtauchen will in historische und gesellschaftliche, oft als ‘völkisch’ bezeichnete Konstrukte. Diese Geschichtsklitterung ist nicht im Konkreten angesiedelt, sondern ein Rückgriff auf Vorstellungen, die sich auf Mythisches beziehen, und in ihrer fehlenden Konsistenz in diesem Denkmal paradoxerweise geradezu in materialisierter Form erscheinen.

Nun aber wieder zurück zu unserem kritischen Begleiter Dilthey. Wo hätten wir gemeinsam mit ihm wohl diesen Prototyp eines ’Germanischen Volkes’ gesucht, vielleicht auf der zugigen Aussichtsplattform des Völkerschlachtsdenkmals? Egal wo, wir hätten ihn nicht gefunden und hätten diesen Herrn namens ‘Deutsches Volk’ den ungläubigen Herrn mit der schmucken Uniform auf dem Polizeirevier als vermisst melden müssen. Da ihn bei der Eröffnungsfeier aber niemand vermisst, musste das ‘Deutsche Volk’ das Schicksal Wallensteins teilen.

Lassen Sie uns vielleicht an dieser Stelle schließen. Der Rückblick ist natürlich immer einfacher als die Sicht der Zeitgenossen. Wahrscheinlich hätten wir uns an jenem denkwürdigen 18. Oktober einfach vor den riesigen ’Reflektionsteich’ vor dem Denkmal gestellt und gesehen, wie die Spiegelung dieses Riesenbaus langsam verschwimmt.

Michael Brey

Tim Fischer in Dresden - Adam Schaf hat Angst

Montag, 26. Februar 2007

Am Ende der Vorstellung gab es stehende Ovationen. Nicht enden wollend - begeisterter Applaus für ein Stück an dessen Ende das Ende der Poesie gefordert wird. Wenn Tim Fischer die Wortwelt Georg Kreislers aufnimmt, ’nichtarische Arien’ über das ’Taubenvergiften im Park’ singt, dann entsteht Musik zum Fürchten und Hoffen zugleich.

Unter dem Motto ’Adam Schaf hat Angst’ lässt ein alter Schauspieler sein Leben Revue passieren. Er ist wirklich alt, hat eine zersauste graue Haarmähne und geht gebrochen auf der Bühne umher. Zwei Stunden hat er - in veränderten Rollen wieder jung geworden - Zeit sich zu erinnern und zu vergessen, bevor er auf der Bühne als Haushofmeister seinen schweren Stock auf den Boden schlagen darf. Zwei Stunden hört das Publikum von verlogenen Rollen, von der abtötenden Gewohnheit des Gelebtwerdens, vom ’Arschkriechen’ als Erfolgsrezept des deutschen Staatsbeamten und der Politiker, vom Weg zur Arbeit, von Chefs und Nicht-Chefs, vom schwulen Sekretär, vom Lachen, von Liebe und Sex. Es werden Fragen gestellt und auf überraschende Weise beantwortet und als Höhepunkt des Ganzen singt Fischer zu Mozarts ’Kleiner Nachtmusik’ vom Sinn des Theaters/der Oper: Augen Aufmachen und sich umsehen oder Augen Zumachen und durch. Bloß Nicht Hinhören, blos kein Bruckner, Mahler, Hindemith etc., da könnte man Hinhören müssen. Mozart und Nicht Hinhören…, da geht der Theatergenuß grad noch. Derart beschwingt verlief dieser Abend als eigentlich bitterböse Satire auf die Bühne und das Leben.

Fischer hat mit diesem Stück 2002/2003 am Berliner Ensemble riesige Erfolge gefeiert. Obwohl das Stück nicht so unter die Haut geht wie andere Kreisler-Interpretationen von Fischer, so ist es wahrscheinlich aufgrund der Leichtigkeit so erfolgreich, die dem Gallig-Bitteren der Kreisler Texte gegeben wird.

Nachdem Tim Fischer im letzten Jahr gleich zwei Mal in Dresden war, gibt es auf jeden Fall Hoffnung, dass es auch 2007 zu einem zweiten Auftritt in Dresden kommt!

Das Stück wurde aufgeführt im Dresdner Staatsschauspiel am 25.02.2007.

Michael Brey