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Das Dresdner Waldschlösschen, oder Variation über das Dresdner Thema: Der Phantomschmerz des Verlorenen

Samstag, 07. Juni 2008

Waldschlösschen in Dresden

An kaum einer Stelle stehen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Dresden unversöhnlicher gegenüber als am Dresdner Waldschlösschen.

Wieder ein Artikel über die Waldschlösschenbrücke, werden Sie sagen. Auch wenn es Unsägliches über den Verlauf dieses Projekts zu sagen gäbe, wollen wir hier den Blick auf Wesentlicheres lenken.

GRAF MARCOLINI

Kehren wir in die Napoleonische Zeit zurück. Graf Marcolini (1739-1814), der ehemalige Silberpage des späteren sächsischen Königs, der sich seinen Grafentitel wohl selbst zugelegt hatte, war zum mächtigen Kabinettsminister und zur entscheidenden Figur über das Schicksal Sachsen geworden. Wie verhängnisvoll der starke Einfluss des Emporkömmlings auf den schwachen sächsischen Herrscher war, beschreibt der ehemalige Generaladjutant des Königs, Ferdinand von Funck, in seinem lesenwerten Buch ’Im Banne Napoleons’.

GRÄFIN MARCOLINI

Graf Marcolini ließ im Jahr 1790 das Waldschlösschen als Jagdhaus für seine Frau bauen. Marie Anne Gräfin Marcolini, die er 1778 geheiratet hatte, war eine geborene Baronesse O’Kelly. Die Familie stammte ursprünglich aus Irland, hatte sich aber verarmt in Böhmen niedergelassen. Obwohl die Gräfin sich ihrer Umgebung gerne als Engländerin darstellte, ist es noch nicht einmal zu klären, ob sie in Irland oder auf dem Kontinent geboren ist.

Ferdinand von Funck beschreibt sie erbarmungslos: “Sie ist lang und wohlgewachsen, und ohne schön zu sein, konnte sie in ihrer Jugend hübsch genannt werden. eine sogenannte Physiognomie de caprice mit lebhaften Augen, einer Stumpfnase und aufgeworfenen Lippen ließ mehr Geist erwarten als die nähere Bekanntschaft zeigte. Ihre Haltung war vernachlässigt, ihr Anstand gewöhnlich, ihr Kopf leer, und die Erziehung hatte ihr nicht einmal das Benehmen der feineren Welt geben können. Was Geist bei ihr zu sein schien, war im Grunde nur Unbesonnenheit, die so lange sie von der ersten Jugend unterstützt wird, zuweilen nicht übel kleidet” (Funck, Im Banne Napoleons, 1928, S. 111).

DAS WALDSCHLÖSSCHEN

1785 hatte der Kabinettminister und Generaldirektor der Kunstakademie und der Porzellanmanufaktur, Graf Marcolini, ein 1764 als Eisen-, Schmelz- und Gußwerk des Dresdner Zeughauses errichtetes Gebäude mitsamt den dazugehörigen Flächen gekauft und in den folgenden Jahren zum Mustergut umgebaut. Er folgte dabei Ideen der ’ornamented farm’ (Engl. für ’geschmücktes Bauerngut’). Dieses aus England stammende Konzept sah vor, die durch eine Parkanlage verschönerte Landschaft zugleich wirtschaftlich nutzbar zu machen durch zahlreiche bäuerliche Einrichtungen. So entstanden im Marcolinischen Vorwerk Hopfenpflanzungen, Getreidefelder und Obstwiesen. Auch ein Jagdpark zur Versorgung der Hofjagden mit Tieren wurde eingerichtet.
Die verschiedenen Einrichtungen des Vorwerks waren über das ganze Gelände zwischen dem Linckeschen Bad im Westen und dem Waldschlösschen im Osten verteilt. Aufgrund der landschaftlich ausgezeichneten Lage und der Nähe der für die Hofjagden genutzten Dresdner Heide, entstand an der höchsten Stelle des Gutes ein kleiner Landschaftspark mit dem 1790 entstandenen Waldschlösschen auf einer leichten Anhöhe des Meisenbergs.

Die belvedereartige Lage des Schlosses, sowie sein annähernd quadratischer Grundriss und die Ausprägung der neogotischen Architekturelemente zeigen eine enge Verwandschaft mit zeitgenössischen irischen Schlösschen wie Luggula in den Wicklow Mountains. Als dieses Schloss um 1790 entstanden ist, wurde es als ’cottage mansion … in the pointed style’ (engl. für ’Bauernhaus-Schlösschen im Spitzbogenstiel’) beschrieben. Diese Bauten sollten explizit nicht die Vornehmheit der Hauptgebäude ausstrahlen, da sie nicht zum längeren Aufenthalt der Herrschaft gedacht waren. Oft waren sie, wie das Waldschlösschen in Dresden und das Schlösschen Lugulla vor allem für Aufenthalte während und nach größeren Jagden vorgesehen.

Meist lagen diese Bauten in einer bezaubernd schönen Landschaft. In Irland hat sich die Landschaft erhalten, so dass man dort 1981 sogar Szenen des Films ’Excalibur’ drehte.

Der mit dem Bau des Waldschlösschens beauftragte Architekt Johann Daniel Schade hatte englische Vorlagenbücher verarbeitet und Elemente der englischen Kloster- und Burgengotik mit Gliederungen venezianischer Palazzi verbunden. Dieses phantasievolle Mischung eigentlich nicht zusammengehöriger Elemente machen gerade das Malerische der Gebäude und die Attraktivität für die aus der Enge ihrer Schlösser fliehenden Besitzer aus.
Derartige Schlösschen dienten nicht nur als räumlicher sondern auch als geistiger Rückzugsort für die Herrschaft. So hatte sich auch Fürst Franz von Anhalt Dessau ab 1773 ein Gotisches Haus im Park von Wörlitz bauen lassen, in dem er lieber wohnte als in seinem nach einem streng palladianischen Entwurf errichteten Schloss. Die Unbefangenheit im Nebeneinander von gotischen Stilen verschiedener Provenienzen ist auch typisch für das Gotische Haus in Wörlitz. Dort folgt die Nordwestfassade exakt dem Aussehen der venezianischen Kirche Madonna dell’Orto, die Südwestfassade ist dagegen der märkischen Backsteingotik verpflichtet.

DIE LANDSCHAFT

Zum Waldschlösschen führte ein in englischer Manier sanft geschwungener Anfahrtsweg von der Radeburger Straße seitlich an die zur Elbe hin gelegene Hauptfassade heran (Stich von G. F. Thormeyer, 1807, abgebildet in Löffler, Das Alte Dresden, 1999, S. 341). Auch von der Elbe aus gab es einen Anfahrtsweg. Das Aussehen der Parkanlage lässt sich aufgrund der großen Veränderungen der Gegend in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr nachvollziehen.
Die südlich des Waldschlösschens gelegene Bautzner Straße jedenfalls wurde erst 1783-86 zur Straße ausgebaut. Zuvor befand sich als Verbindungsweg zwischen dem zur Stadt Dresden hin gelegenen Beginn des Vorwerks am Linckeschen Bade und dem Meisenberg (Waldschlösschenareal) nur ein schmaler Weg. Dieser diente zur Erhaltung einer von Augustinermönchen im Jahr 1476 angelegten Wasserleitung im Schotengrund (siehe: www.ws24.info).

DIE GEGENWART
An der Bautzner Straße entstanden vor allem in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stattliche Villen und westlich des Waldschlösschens das ’Preußische Viertel’. In diesem Viertel wohnten vor allem hohe Militärs, die in der nördlich gelegenen Albertstadt ihren Dienst taten. So wurde die einst offene Landschaft durch eine villenartige Bebauung zu einem der bevorzugten Wohnviertel in Dresden.
Bereits 1836 war das Areal um das Schlösschen von der Waldschlösschenbrauerei erworben worden, die nachfolgend den Elblick des Waldschlösschens durch das Brauereigebäude mit angegliedertem Ausflugslokal verbaut hatte.
Auf den 64.000 qm Fläche des Areals entstand zwischen 1995 und 1997 ein Ensemble aus fünf- bis sechsgeschossigen Büro- und Wohngebäuden, die als in sich geschlossene ’Stadt in der Stadt’ mit einer Funktionsvielfalt aus Büros, Einzelhandelsgeschäften, Praxen, Kino, Hotel und Wohngebäuden konzipiert worden war (siehe: www.hausbau.de).

DIE ZUKUNFT
Das namensgebende Waldschlösschen allerdings dämmert im halbverfallenem Zustand vor sich hin. Auch in diesem Jahr konnte es keinen Käufer finden. Auf einer Immobilien-Versteigerung der Sächsischen Grundstücksauktionen AG in Dresden und Erfurt am 3. und 5 Juni fand es trotz des geringen Kaufpreises von 190.000 Euro keinen Käufer.
In der Nachbarschaft entsteht eine Brücke, für die insgesamt knapp über 150 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Der Bezeichnung Waldschlösschen wird damit bald wohl ähnlich erklärungsbedürftig werden wie das Wort ’Zwinger’ für eines der wichtigsten Ensembles des europäischen Barock. Die Lage an der Stadtmauer, die dem Gebäude den Namen ’Zwinger’ verlieh ist immerhin noch erkennbar. Es ist schon schwieriger das Waldschlösschen als Namensgeber für eine Brauerei/Restaurant sowie eine Brücke überhaupt nur zu finden.

Wo landschaftliche Schönheit und damit die kulturgeschichtliche Einmaligkeit des ersten nach englischen Vorbildern geschaffenen neugotischen Bauwerks in Sachsen zugunsten eines Verkehrszugs verloren gehen, wird allerdings - perspektivisch gesehen - auch die darin geübten Dresdner zukünftig der Phantomschmerz des Verlorenen erfassen.

Nur dieses Mal ist nicht der Zweite Weltkrieg und auch nicht die Baupolitik des Sozialismus der Verursacher. Die Wunde hat sich der Patient in masochistischer Weise selbst zugefügt.

Michael Brey

Alt und Neu im Schloss von Dresden - die Logik der Fragmente

Mittwoch, 04. Juni 2008

Das Dresdner Residenzschloss, 5. Juni 2008

Eindrucksvoll wiederlegt die schon jetzt sichtbare Stahlkonstruktion des neuen Entrees der Staatlichen Kunstsammlungen die vermeintliche Historizität des Dresdner Schlosses. Gestern wurde das Richtfest dieser beeindruckenden, von Peter Kulka entworfenen Zutat zum Schloss gefeiert. Das Schloss mit seinem subtilen Zusammenspiel aus Renaissanceinnenhöfen aus dem sechzehten Jahrhundert und Neorenaissancefassaden aus dem späten neunzehnten Jahrhundert wird damit zur Assemblage aus Großfragmenten verschiedener Zeiten.

Der Schweizer Architekt Bernard Tschumi beschrieb in seinem Buch ‘Event Cities’ die Bedeutung des Fragments in der Architektur mit den Worten: ‘Das Fragment gibt den Elementen Autonomie und macht es gleichzeitig einfacher ihre relative Bedeutung im Gesamtzusammenhang zu erkennen’ (aus dem Englischen, Event Cities, 3. Ausgabe, 1996, S. 305). Als Fragment versteht Tschumi dabei nicht nur im klassischen Sinne kleinräumliche Architekturelemente. Auch über einem großen Raster entstande Gebäude und Ensembles können den Charakter des Fragmentarischen erhalten, wenn ihr früheres Ganzes reduziert und räumlich in einen neuen Zusammenhang gestellt wird.

Spannungsvoll ist nicht nur die Außenansicht der stählernen Rauten im Zusammenspiel mit den steilen Dachfirsten des Schlosses. Noch kontrastreicher dürfte ab Anfang 2009 der Besucher des Dresdner Schlosses die klare Trennung des Renaissanceinnenhofes von der darüber gleichsam frei schwebenden Überdachung empfinden. Da keine Eingriffe in die Substanz der Arkaden des Kleinen Schlosshofes sichtbar vorgenommen werden durften, musste die selbsttragende Überdachung letztlich auf dem Dachfirst zu liegen kommen. Dies bedingt auch die anfangs nicht geplante Höhe der Stahlkonstruktion von 34 Metern und ihre deutliche Sichtbarkeit von außen. Das Gewicht der Kuppel beträgt beträchtliche 84 Tonnen.

Mit der Eröffnung des neuen Entrees des Dresdner Schlosses Anfang 2009 geht der Ausbau der Anlage zum Museumsschloss mächtig voran. Mitte der 1980er Jahre begann man mit ersten Arbeiten im Zusammenhang mit einer geplanten Rekonstruktion, so dass nach 1990 recht schnell mit den ersten sichtbaren Wiederherstellungsarbeiten am Schloss begonnen werden konnte. Bereits am 2. Oktober 1991 konnte der 101m hohen Hausmannsturm vollendet werden. Bis jetzt sind etwa 222 Millionen von bis 2013 geplanten 337 Millionen Euro (DNN, 04.06.08) in den Wiederaufbau geflossen.

Auch bei der Konzeption der Museen (s. Historisches und Neues Grünes Gewölbe) und im Einzelentwurf der Innenräume werden die historischen Schichten weit zurückliegender und zeitgenössischer Elemente glasklar von einander getrennt und sich dabei gegenübergestellt. So kann der Besucher gleichsam beim Simultanblick die spannungsvolle historische Dimension und Poesie der Dresdner Schlossanlage nachempfinden und dem Ensemble mit all seiner Schönheit und seinen Wunden Gerechtigkeit wiederfahren lassen.

Michael Brey

Die ‘Waldschlösschenbrücke’ - Mehrheit für den Brückenbau?

Mittwoch, 11. April 2007

“Mehrheit der Dresdener für Brückenbau”, so heißt es in einer Nachricht auf der 1. Seite der Sächsischen Zeitung am 11.04.2007. In einer Grafik wird veranschaulicht, dass 56 % der Dresdner für den Brückenbau wären, 37 % seien dagegen. Die Fragestellung lautete: “Soll mit dem Bau der Waldschlösschenbrücke begonnen werden?”. Durchgeführt wurde die Umfrage vom Leipziger Institut für Marktforschung.

Dieses Ergebnis erstaunt angesichts der Gesamtstimmung in der Stadt. Trotz der prominenten Platzierung des Umfrageergebnisses und des Umfangs des Artikels werden leider die Grundlagen für die Befragung nicht benannt.

Die Aussage dieser Nachricht ist problematisch. Bei Befragungen sind immer Rückschlüsse von einer Teilmenge auf eine Gesamtheit vorzunehmen. Entscheidend ist, dass der Querschnitt der Befragten eine repräsentative Aussage zulässt. Da keinerlei Informationen zum Hintergrund der Umfrage benannt werden, stellt sich am Ende die Frage nach dem Sinn und Zweck des Artikels.

Der Artikel kommt mit wissenschaftlichem Anspruch daher, steht aber einem meinungsorientierten Leitartikel näher als einer faktenorientierten Nachricht. Es ist zu hoffen, dass der geringe Nachrichtengehalt und der hohe Meinungsgehalt des Textes vom Leserpublikum kritisch zur Kenntnis genommen wird.

Die ‘Waldschlösschenbrücke’ - April, April

Donnerstag, 05. April 2007

Vor fast genau einem Jahr war die Welt in Dresden noch einigermaßen in Ordnung. Wir hatten noch unseren Alten Oberbürgermeister und Dresden war stolz auf seinen Welterbetitel.

Der Oberbürgermeister – inzwischen vom Dienst suspendiert – konstatierte Anfang April 2006, daß in spätestens zehn Jahren ein Neubau des ‚Blauen Wunders’ nötig sei. Diese Elbbrücke verbindet die Stadtteile Blasewitz und Loschwitz und war gerade in „Der Rote Kakadu“ zum Filmstar avanciert. Einen Filmstar sollte man allerdings nicht vorzeitig ins Grab schicken. Warum also dieser schreckenserregende Verweis auf den Verlust eines Dresdner Wahrzeichens.

Ingolf Roßberg reagierte damit auf die von der TU Aachen angefertigte Visualisierung der Waldschlößchenbrücke und wandte sich damit gegen die Kritik der Unesco, diese Brückenplanung gefährde die Integrität des Welterbes. Im Sinne des Verkehrs müsse eine neue Brücke her.

Wie hat sich das Blatt inzwischen gewandelt. Endlich reagiert der Bund auf das Problem in Dresden, das zum Fiasko für das kulturelle Selbstverständnis der Deutschen zu werden droht. In einem Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten optiert ausgerechnet der Bundesverkehrsminister für eine welterbeverträgliche Brückenvariante und bietet sogar an, daß sich der Bund eventuell an den Mehrkosten beteilige.

Damit ist nun ein neues Kapitel eröffnet im Kampf um die Waldschlößchenbrücke und am Ende könnte sowohl die Staatsregierung als auch Dresden als Gewinner dastehen, was momentan aufgrund der divergierenden Haltung beider Seiten zum Brückenbau noch schwer vorstellbar ist.

Michael Brey

‘Wallenstein’ in Leipzig

Montag, 05. März 2007

In Dresden ist der ideale Aufführungsort für den Wallenstein der liebliche ‘Schillergarten’ an der Elbe, wo Schiller sich in die ‘Gustl von Blasewitz’ verguckt hat.

Siebenhundert Zuschauer haben nun am Wochenende den Auftakt zu Schillers ‘Wallenstein’ in Leipzig am Völkerschlachtsdenkmal erlebt, das in blaues Licht getaucht war. Ungewöhnlich war die gesamte Inszenierung der Trilogie durch Wolfgang Engel, der sie an drei unterschiedlichen Orten spielen ließ. Auch für den Abschluss hat er sich das Völkerschlachtsdenkmal ausgesucht. So wie Wallenstein am Ende noch einmal glaubt ein vom Schicksal Auserwählter zu sein, so steht das Völkerschlachtsdenkmal für die Selbstvergewisserung eines ganzen Volkes angesichts des nahestehenden Untergangs. Was für eine dramatische Ironie doch das Leben eines einzelnen Menschen wie zuweilen auch ganze Völker bühnentauglich bzw. Architekturwürdig macht.

Über Schillers Wallenstein sind wir alle noch aus Schulzeiten gut unterrichtet. Das Völkerschlachtsdenkmal hat es noch nicht so weit geschafft, obwohl es eigentlich bestes Anschauungsmaterial für geisteswissenschaftliche Betrachtungen aller Art bietet. Deshalb nun ein paar Gedanken zu diesem den Deutschen von heute mehrheitlich eher peinlichen Bauwerk.

Zwischen 1897 und 1913 wurde das Völkerschlachtsdenkmal vom Architekten Bruno Schmitz als ein Projekt von nationaler Bedeutung erbaut. Zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht, am 18. Oktober 1813, wurde es eingeweiht.

Denkmäler, die deutsche Geschichte im heroischen Sinne erfahrbar machen sollten, sind im neunzehnten Jahrhundert in großer Zahl entstanden. Leo von Klenzes Wahlhalla oder die Befreiungshalle bei Kehlheim sind frühe Beispiele. Das nach dem zweiten Weltkrieg gesprengte Kaiser-Wilhelm Denkmal in Berlin und das Kyffhäuser-Denkmal entstanden kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Bei früheren Denkmälern wurde die Stilfrage eher konventionell gelöst, mal neugotisch oder klassizistisch oder sogar neobarock, wie im Falle des Kaiser Wilhelm Denkmals. Am Kyffhäuser konnte man sich an der dort bestehenden Burgruine orientieren.

Anders nun das Leipziger Projekt, das ganz siegdeutsch aussehen und die deutsche Nation als Verkörperung der europäischen Urnation feiern sollte. Klassizistische Säulen früherer Entwürfe wurden eliminiert, der Bau wurde archaisiert und in den Formen zyklopisch vereinfacht.

Damit entzieht sich das Gebäude einer jeden stilgeschichtlichen Einordnung. Ich möchte jetzt aber nicht als Kunsthistoriker sprechen, sondern ein historisches Experiment machen.

Ziemlich genau zwei Jahre vor der Eröffnung des Völkerschlachtsdenkmals ist Wilhelm Dilthey in Seis bei Bozen gestorben. Er gehörte wohl nicht zu den Patrioten, die voller Begeisterung für das Nationaldenkmal spendeten.

Dilthey hatte 1883 mit seinem Werk “Einleitung in die Geisteswissenschaften” den Grundstein gelegt für das Konzept der Geisteswissenschaften als einer “Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen”. Er wendet sich dort gegen die dominierende Rolle der Naturwissenschaften in den wissenschaftstheoretischen Konzepten des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Wissenschaft ist für ihn Erfahrungswissenschaft. Historische Erkenntnisse lassen sich gewinnen, indem man eine Zeit zergliedert und nacherlebt. Damit hat Dilthey sich gegen jegliche ’Konstruktion’ von Geschichtsbildern gewandt wie sie gerade im Völkerschlachtsdenkmal zum Ausdruck kommen.

Hier lohnt es sich kurz inne zu halten. Transportiert das Völkerschlachtsdenkmal wirklich ein fest gefügtes Geschichtsbild? Wo sind die ansonsten üblichen Anspielungen auf Herrschergestalten. Warum erscheinen die siegreichen Gegner Napoleons nicht im Bild? Deshalb, weil man nicht nur deutsche Herrscher hätte zeigen können, sondern auch auf die beteiligten Österreicher und Russen hätte verweisen müssen? Vielleicht.

Für uns heute ist das Denkmal jedenfalls ein deutlicher Ausdruck des übersteigerten Irrationalismus und des Nihilismus einer Gesellschaft, die eher abtauchen will in historische und gesellschaftliche, oft als ‘völkisch’ bezeichnete Konstrukte. Diese Geschichtsklitterung ist nicht im Konkreten angesiedelt, sondern ein Rückgriff auf Vorstellungen, die sich auf Mythisches beziehen, und in ihrer fehlenden Konsistenz in diesem Denkmal paradoxerweise geradezu in materialisierter Form erscheinen.

Nun aber wieder zurück zu unserem kritischen Begleiter Dilthey. Wo hätten wir gemeinsam mit ihm wohl diesen Prototyp eines ’Germanischen Volkes’ gesucht, vielleicht auf der zugigen Aussichtsplattform des Völkerschlachtsdenkmals? Egal wo, wir hätten ihn nicht gefunden und hätten diesen Herrn namens ‘Deutsches Volk’ den ungläubigen Herrn mit der schmucken Uniform auf dem Polizeirevier als vermisst melden müssen. Da ihn bei der Eröffnungsfeier aber niemand vermisst, musste das ‘Deutsche Volk’ das Schicksal Wallensteins teilen.

Lassen Sie uns vielleicht an dieser Stelle schließen. Der Rückblick ist natürlich immer einfacher als die Sicht der Zeitgenossen. Wahrscheinlich hätten wir uns an jenem denkwürdigen 18. Oktober einfach vor den riesigen ’Reflektionsteich’ vor dem Denkmal gestellt und gesehen, wie die Spiegelung dieses Riesenbaus langsam verschwimmt.

Michael Brey

Tim Fischer in Dresden - Adam Schaf hat Angst

Montag, 26. Februar 2007

Am Ende der Vorstellung gab es stehende Ovationen. Nicht enden wollend - begeisterter Applaus für ein Stück an dessen Ende das Ende der Poesie gefordert wird. Wenn Tim Fischer die Wortwelt Georg Kreislers aufnimmt, ’nichtarische Arien’ über das ’Taubenvergiften im Park’ singt, dann entsteht Musik zum Fürchten und Hoffen zugleich.

Unter dem Motto ’Adam Schaf hat Angst’ lässt ein alter Schauspieler sein Leben Revue passieren. Er ist wirklich alt, hat eine zersauste graue Haarmähne und geht gebrochen auf der Bühne umher. Zwei Stunden hat er - in veränderten Rollen wieder jung geworden - Zeit sich zu erinnern und zu vergessen, bevor er auf der Bühne als Haushofmeister seinen schweren Stock auf den Boden schlagen darf. Zwei Stunden hört das Publikum von verlogenen Rollen, von der abtötenden Gewohnheit des Gelebtwerdens, vom ’Arschkriechen’ als Erfolgsrezept des deutschen Staatsbeamten und der Politiker, vom Weg zur Arbeit, von Chefs und Nicht-Chefs, vom schwulen Sekretär, vom Lachen, von Liebe und Sex. Es werden Fragen gestellt und auf überraschende Weise beantwortet und als Höhepunkt des Ganzen singt Fischer zu Mozarts ’Kleiner Nachtmusik’ vom Sinn des Theaters/der Oper: Augen Aufmachen und sich umsehen oder Augen Zumachen und durch. Bloß Nicht Hinhören, blos kein Bruckner, Mahler, Hindemith etc., da könnte man Hinhören müssen. Mozart und Nicht Hinhören…, da geht der Theatergenuß grad noch. Derart beschwingt verlief dieser Abend als eigentlich bitterböse Satire auf die Bühne und das Leben.

Fischer hat mit diesem Stück 2002/2003 am Berliner Ensemble riesige Erfolge gefeiert. Obwohl das Stück nicht so unter die Haut geht wie andere Kreisler-Interpretationen von Fischer, so ist es wahrscheinlich aufgrund der Leichtigkeit so erfolgreich, die dem Gallig-Bitteren der Kreisler Texte gegeben wird.

Nachdem Tim Fischer im letzten Jahr gleich zwei Mal in Dresden war, gibt es auf jeden Fall Hoffnung, dass es auch 2007 zu einem zweiten Auftritt in Dresden kommt!

Das Stück wurde aufgeführt im Dresdner Staatsschauspiel am 25.02.2007.

Michael Brey

Der moderne Faust

Mittwoch, 21. Februar 2007

In seinem Theaterstück ‘Geometry of Miracles’ (1998) beschreibt der kanadische Autor Robert Lepage Frank Lloyd Wright als einen Art modernen Faust. In der Wüste von Arizona trifft im Jahr 1929 der Architekt auf den Teufel. Frank Lloyd Wright sitzt vor seinem Zeichenpult, der Teufel will wissen, wer er sei: “Ich bin der größte lebende Architekt, und habe alles bereits erforscht, was es in meinem Beruf zu erforschen gibt.”

Die Lichtgestalt der Architektur vernimmt nichts von den dunklen Wünschen des Anderen. Der Teufel will einen Pakt mit dem Genie schließen. So stellt er die Frage: “Wie kann man aus einer geraden Linie eine dreidimensionale Form machen?” Er verspricht Frank Lloyd Wright die Jugend wieder zu geben, wenn er diese Frage beantworten könne. Mit den Worten “That’s easy” zeichnet Wright eine Spirale. Das Lösen dieser im Jahre 1929 teuflischen Aufgabe (Architektur der Geometrie und Sachlichkeit!) wäre eine Erklärung - aber eben keine besonders rationale - für den erstaunlichen Spätruhm Wrights.

Wahrscheinlich hat der Teufel aber den menschlichen Ausspruch “Alle guten Dinge sind drei” nicht gekannt. Sonst hätte er Wright viel eher gefragt, wie man aus den drei Dimensionen einer Spirale eine Dimension entferne. Hätte Wright, der für seine Spirale im Guggenheim Museum in New York berühmt wurde, diesen Frevel wirklich auf sich genommen?

Jetzt, in nach-dekonstruktivistischer Zeit ist alles möglich. Seien wir auf der Hut!

Michael Brey