Archiv für die Kategorie ‘Architektur’

Die ‘Käseglocke’ - ein Dresdner Wahrzeichen

Donnerstag, 02. Oktober 2008

Als die ‘Käseglocke’ 1928 als Straßenbahnwartehäuschen und Zugang zur unterirdischen Toilette gebaut wurde, war sie einer der letzten Neubauten am Dresdner Postplatz vor dem zweiten Weltkrieg. Ungemein charmant verbindet das kleine Gebäude mit seinem klaren kreisrunden Grundriss, der schmucklosen,  von großen Fensterflächen geprägten Fassade und dem chinoisen Dachaufsatz den Anspruch der klassischen Moderne mit dem Flair der Dresdner Altstadt. Diesem Kontrast des modernen Unterbaus mit dem ganz anders gearteten, wie ein Fremdkörper wirkenden Dachaufsatz verdankt das Gebäude auch den leicht befremdlichen Namen ‘Käseglocke’.

Dieser Zwitter aus Tradition und klassischer Moderne ist der letzte historische, unmittelbar am Postplatz gelegene Bau. Jahrzehnten lang war die ‘Käseglocke’ der Ruhepol inmitten des chaotischen Gewirrs aus Straßenbahngleisen am Postplatz. Mit dem Neubau der zentralen Straßenbahnhaltestelle steht der Bau funktionslos inmitten des heute völlig strukturlosen Postplatzes.

Nach der Expo Real in München kam es in den letzten Jahren stets zur Ankündigung von Realisierungsvorhaben von Hotelneubauten, Seniorenheimen, Riesenaquarien etc. am Postplatz. Die diesjährige Internationale Fachmesse für Gewerbeimmobilien findet vom 6. bis 8. Oktober in statt. Auch in diesem Jahr steht der Postplatz ‘zum Verkauf’.

Während sich die ‘Käseglocke’ heute inmitten der Leere zu behaupten hat, könnte hier schon bald ein lebendiger Platz entstehen.

Michael Brey

Der Blüherpark - Denkmal zwischen den Welten

Montag, 08. September 2008

Dresden, ZinzendorfpalaisEinige hundert Meter außerhalb der sicheren Stadtmauer ließ sich Freiherr von Rechenberg 1639 einen Garten und eine ländliche Schlossanlage bauen. Günstig war die Lage am Kaitzbach, der den Garten und das Schlösschen mit gesundem Wasser versorgte, bevor es in der Stadt Dresden mit Fäkalien und Müll verunreinigt wurde.  Mehr Bilder

Heute kaum vorstellbar, diente der Garten seit 1682 unter seinem neuen Besitzer Johann Georg III. für aufwendige höfische Festlichkeiten. So wurden auf einem 280 m langen Kanal Gondelfahrten veranstaltet. Sechs Jahre später schenkte der Kurfürst einen Teil des Gartens der Hofdame Margarete Susanne von Zinzendorf, einer Geliebten des Kurfürsten. So erhielt die Anlage den Namen ‘Zinzendorfscher Garten’ ohne dass die Namensbezeichnung auf den Begründer der Herrnhuter Brüdergemeinde, den Grafen Zinzendorf, Bezug nimmt. Formal gesehen erlebte die Anlage zu dieser Zeit den Höhepunkt ihrer Bedeutung. Sie war neben dem neu entstehenden Großen Garten der Hauptschauplatz bedeutender Festlichkeiten im ländlichen Bereich außerhalb der Stadt Dresden.

Dann kommt die Katastrophe des Siebenjährigen Krieges. Der Große Garten und der Zinzendorffsche Garten werden von den kriegerischen Ereignissen enorm in Mitleidenschaft gezogen.

So beginnt mit dem neuen Besitzer Johann Georg Chevalier de Saxe 1764 eine neue Ära des Gartens. Der Kanal wird eingeebnet und ein ins Landschaftliche aufgelöster französischer Garten angelegt. Nur kurze Zeit später führt Johann August Giesel den Kaitzbach in der Hogarthschen ‘line of beauty’ in kleinteiligen, artifiziellen Windungen durch den Garten. Zahlreiche Kleinarchitekturen entstehen, die ganz die litarisch induzierte Natursehnsucht des höfischen Publikums reflektieren. EIne Eremitage mit Hauskapelle entsteht 1779, der Besucher kann über das der antiken Architektur inhärente Naturparadigma beim Anblick eines im Wasser versunkenen antiken Tempels reflektieren. Natürlich besaß der Garten auch die unumgänglich notwendigen Accessoires wie Volieren und unterschiedlichen Themen und Funktionen gewidmete Pavillions.

Hatten im 18. Jahrhundert noch Kriege die alten Städte zerstört, so übernahm im 19. das Bevölkerungswachstum diese Aufgabe. Ende der 1880er Jahre entsteht eine Ost-West Magistrale in der Dresdner Altstadt, der der nördliche Teil des Gartens zum Opfer fällt. Einer der Torpavillons von 1889 ist noch nördlich des Hygienemuseums vorhanden (Foto). Im Jahre 1888 wurde der nördliche Teil des Gartens wegen des Baus der Johann-Georgen-Allee verkauft.

Vierzig Jahre später führt der Bau des Hygienemuseums (Foto) zur Auflösung des südlichen Fragments des Gartens. Die Stadt Dresden hatte damals 3ha Land des Gartens erworben, um das Museum auf der Fläche bauen zu können.

Das von Krubsacius ab 1764 erbaute Palais sowie der Rest des unter dem Namen ‘Blüherparks’ zum Volksgarten umgestalteten ehemaligen Zinzendorffschen Gartens werden im zweiten Weltkrieg zerstört und samt der erhaltungsfähigen künstlichen Ruine 1963 abgetragen. Zahlreiche Vasen aus der Gartenanlage stehen heute im Großen Garten. Die Stadt befindet sich im Gespräch mit dem Land über die notwendige Umsetzung der Skulpturen auf städtischen Grund in den Blüherpark.

70.000 Euro wurden für die Rekonstruktion des südlichen Abschnitts des Blüherparks aus EU-Mitteln aufgewendet, 200.000 Euro kamen aus dem städtischen Haushalt. DIe Rekonstruktion von vier barocken Figuren sind durch den Nachlass einer ehemaligen Dresdnerin in Höhe von 230.000 Euro finanzierbar.

Die Rekonstruktion des Gartens hat im Wesentlichen die Fassung von 1930 zum Ziel. Eine Wiederherstellung des nördlichen Parkanteils soll folgen.

Einmal mehr macht sich die spezifische Denkmalsqualität Dresdner Artefakte im Umfeld der ‘historischen’ Altstadt bemerkbar. Es sind Denkmale, die zum Sehen des Unsichtbaren erziehen.

Michael Brey

Dresden im Finale - Die Waldschlösschenbrücke

Dienstag, 01. Juli 2008

Heute wurden die Fußballhelden der Europameisterschaft, die am Ende doch verloren, in Berlin am Brandenburger Tor von mehr als 100 000 Menschen gefeiert.

Auch Dresden steht in dieser Woche ein Finale bevor. Anders als unsere Fußballer wird Dresden sich am Ende aber nicht darüber wundern können, wie es gesiegt und doch verloren hat. Nicht siegessicher gehen wir in dieser Stadt in dieses Finale. Wenn uns eines gewiß ist, dann ist es die finale Niederlage und die Gründe dafür.

Fehlende Streitkultur

Es ist ein Verlust auf vielen Ebenen. Es geht nicht nur um einen Statusverlust. Die Dresdner Elblandschaft ist sicher auch ohne Welterbe-Prädikat bezaubernd. Auch wenn ich im fatalen Bürgerentscheid von 2005 für den Bau der Brücke gestimmt habe, würde ich dies heute anders entscheiden. Dass die Elblandschaft ihren naturnahen Charakter mit dem Bau der Brücke verlieren wird, darüber bin ich mir mittlerweile sicher.
Am Ende dieses Streits um den Brückenbau beklage ich vor allem die fehlende Diskursivität in dieser Stadt und das Versagen demokratischer Strukturen. Entscheidungsfindung scheint auf dem Recht des Stärkeren zu beruhen, nicht auf ständig sich erneuernder Reflexion über Bedingungen und Möglichkeiten der Weiterentwicklung des Gegebenen.

So ähnlich konstatiert auch Hans-Peter Lühr in seiner Vorbemerkung zum jüngsten Dresdner Heft seine Enttäuschung über die Entwicklung im Fall ‘Waldschlösschenbrücke’. Ausgabe 94 der Dresdner Hefte ist denn auch sinnigerweise den ‘Dresdner Elbbrücken in acht Jahrhunderten’ gewidmet.

Von der ‘Fata Morgana’ zur Realität

Im Rahmen der Geschichte der Dresdner Elbbrücken hat die Waldschlösschenbrücke seit dem Auftreten der ersten Planungen im Jahr 1935 etwas Märchenhaftes. Ich meine damit, dass das Projekt über sechzig Jahre lang wie eine Fata Morgana am Elbufer stand und aufgrund seiner Überdimensioniertheit trotz aufwendiger Baugrunduntersuchungen im Dritten Reich nicht zur Realisierung gekommen ist.

Über drei Jahrzehnte später wird eine Brücke im Waldschlösschenareal in den Generalverkehrsplan der Stadt Dresden aufgenommen. Damit war man im Jahr 1970 wieder auf das Dresdner Schlossgespenst aufmerksam geworden. Ende der siebziger und Mitte der achtziger Jahre kommt es zu mehreren Umplanungen, die 1988 das Finale erreichen. Das Ministerium für Verkehrswesen der DDR beschließt den Bau einer Brücke für die Zeit nach 1990.

Über die Vollstreckung des Verdikts über die Dresdner Kulturlandschaft seit der politischen Wende gibt die ‘Chronik von Planung und öffentlicher Auseinandersetzung’ zum Bau der Waldschlösschenbrücke im neuesten Dresdner Heft (S. 70 ff.) vorzügliche Auskunft.

Der Schiedsrichter verlässt das Feld

Im Jahr 2005 wurde das Welterbe-Kuratorium als Gremium ins Leben gerufen, dessen 20 Mitglieder die Bewahrung und Weiterentwicklung des Dresdner Welterbes aktiv betreiben sollten. Gestern hatten die Mitglieder eine Pressekonferenz anlässlich der bevorstehenden Entscheidung der Unesco zum Dresdner Welterbe zum Anlass genommen, das finale Versagen der Verwaltung und der Politik offenkundig werden zu lassen.

Das Dresdner Welterbe-Kuratorium mit seinem Vorsitzenden Ingo Zimmermann sehe keine Möglichkeit mehr sein Mandat wahrzunehmen, hieß es bei der heutigen Pressekonferenz. Deshalb wollen die Mitglieder von ihrem Mandat entbunden werden. Sowohl Ministerpräsident Tillich, als auch Bundeskanzlerin Merkel und die designierte Oberbürgermeisterin Orosz ließen keinen Zweifel am Weiterbau der Brücke und am einkalkulierten Verlust des Welterbetitels aufkommen.

Mitte Mai habe das Kuratorium einen Brief an den Nachfolger Milbradts geschrieben und um ein Gespräch über die prekäre Lage gebeten. Er sei unbeantwortet geblieben.

Michael Brey

Und weiter gehts im Sauseschritt - Der Dresdner Postplatz

Dienstag, 01. Juli 2008

Weitere drei Hotels mit 520 Zimmern und einer Tiefgarage mit 235 Stellplätzen sind an der Westseite des Dresdner Postplatzes geplant. Zudem solle dort auch ein Seniorenheim Platz finden. Das Großprojekt mit 70 Millionen Euro Investition soll unter Federführung der Wiener Aaron Holding AG realisiert werden. Die drei Hotels sollen sich über 18.500 qm Fläche erstrecken, so die Dresdner Neuesten Nachrichten im Lokalteil vom 1.07.08. Das Seniorenheim wird etwa 6.000 qm Fläche haben.

Für das Konzept der Bebauung ist der Bebauungsplan aus dem Jahr 2000 grundlegend, der sich wiederum am Wettbewerbsentwurf von Joachim Schürmann aus den 90er Jahren orientiert.

Michael Brey

Das Dresdner Waldschlösschen, oder Variation über das Dresdner Thema: Der Phantomschmerz des Verlorenen

Samstag, 07. Juni 2008

Waldschlösschen in Dresden

An kaum einer Stelle stehen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Dresden unversöhnlicher gegenüber als am Dresdner Waldschlösschen.

Wieder ein Artikel über die Waldschlösschenbrücke, werden Sie sagen. Auch wenn es Unsägliches über den Verlauf dieses Projekts zu sagen gäbe, wollen wir hier den Blick auf Wesentlicheres lenken.

GRAF MARCOLINI

Kehren wir in die Napoleonische Zeit zurück. Graf Marcolini (1739-1814), der ehemalige Silberpage des späteren sächsischen Königs, der sich seinen Grafentitel wohl selbst zugelegt hatte, war zum mächtigen Kabinettsminister und zur entscheidenden Figur über das Schicksal Sachsen geworden. Wie verhängnisvoll der starke Einfluss des Emporkömmlings auf den schwachen sächsischen Herrscher war, beschreibt der ehemalige Generaladjutant des Königs, Ferdinand von Funck, in seinem lesenwerten Buch ’Im Banne Napoleons’.

GRÄFIN MARCOLINI

Graf Marcolini ließ im Jahr 1790 das Waldschlösschen als Jagdhaus für seine Frau bauen. Marie Anne Gräfin Marcolini, die er 1778 geheiratet hatte, war eine geborene Baronesse O’Kelly. Die Familie stammte ursprünglich aus Irland, hatte sich aber verarmt in Böhmen niedergelassen. Obwohl die Gräfin sich ihrer Umgebung gerne als Engländerin darstellte, ist es noch nicht einmal zu klären, ob sie in Irland oder auf dem Kontinent geboren ist.

Ferdinand von Funck beschreibt sie erbarmungslos: “Sie ist lang und wohlgewachsen, und ohne schön zu sein, konnte sie in ihrer Jugend hübsch genannt werden. eine sogenannte Physiognomie de caprice mit lebhaften Augen, einer Stumpfnase und aufgeworfenen Lippen ließ mehr Geist erwarten als die nähere Bekanntschaft zeigte. Ihre Haltung war vernachlässigt, ihr Anstand gewöhnlich, ihr Kopf leer, und die Erziehung hatte ihr nicht einmal das Benehmen der feineren Welt geben können. Was Geist bei ihr zu sein schien, war im Grunde nur Unbesonnenheit, die so lange sie von der ersten Jugend unterstützt wird, zuweilen nicht übel kleidet” (Funck, Im Banne Napoleons, 1928, S. 111).

DAS WALDSCHLÖSSCHEN

1785 hatte der Kabinettminister und Generaldirektor der Kunstakademie und der Porzellanmanufaktur, Graf Marcolini, ein 1764 als Eisen-, Schmelz- und Gußwerk des Dresdner Zeughauses errichtetes Gebäude mitsamt den dazugehörigen Flächen gekauft und in den folgenden Jahren zum Mustergut umgebaut. Er folgte dabei Ideen der ’ornamented farm’ (Engl. für ’geschmücktes Bauerngut’). Dieses aus England stammende Konzept sah vor, die durch eine Parkanlage verschönerte Landschaft zugleich wirtschaftlich nutzbar zu machen durch zahlreiche bäuerliche Einrichtungen. So entstanden im Marcolinischen Vorwerk Hopfenpflanzungen, Getreidefelder und Obstwiesen. Auch ein Jagdpark zur Versorgung der Hofjagden mit Tieren wurde eingerichtet.
Die verschiedenen Einrichtungen des Vorwerks waren über das ganze Gelände zwischen dem Linckeschen Bad im Westen und dem Waldschlösschen im Osten verteilt. Aufgrund der landschaftlich ausgezeichneten Lage und der Nähe der für die Hofjagden genutzten Dresdner Heide, entstand an der höchsten Stelle des Gutes ein kleiner Landschaftspark mit dem 1790 entstandenen Waldschlösschen auf einer leichten Anhöhe des Meisenbergs.

Die belvedereartige Lage des Schlosses, sowie sein annähernd quadratischer Grundriss und die Ausprägung der neogotischen Architekturelemente zeigen eine enge Verwandschaft mit zeitgenössischen irischen Schlösschen wie Luggula in den Wicklow Mountains. Als dieses Schloss um 1790 entstanden ist, wurde es als ’cottage mansion … in the pointed style’ (engl. für ’Bauernhaus-Schlösschen im Spitzbogenstiel’) beschrieben. Diese Bauten sollten explizit nicht die Vornehmheit der Hauptgebäude ausstrahlen, da sie nicht zum längeren Aufenthalt der Herrschaft gedacht waren. Oft waren sie, wie das Waldschlösschen in Dresden und das Schlösschen Lugulla vor allem für Aufenthalte während und nach größeren Jagden vorgesehen.

Meist lagen diese Bauten in einer bezaubernd schönen Landschaft. In Irland hat sich die Landschaft erhalten, so dass man dort 1981 sogar Szenen des Films ’Excalibur’ drehte.

Der mit dem Bau des Waldschlösschens beauftragte Architekt Johann Daniel Schade hatte englische Vorlagenbücher verarbeitet und Elemente der englischen Kloster- und Burgengotik mit Gliederungen venezianischer Palazzi verbunden. Dieses phantasievolle Mischung eigentlich nicht zusammengehöriger Elemente machen gerade das Malerische der Gebäude und die Attraktivität für die aus der Enge ihrer Schlösser fliehenden Besitzer aus.
Derartige Schlösschen dienten nicht nur als räumlicher sondern auch als geistiger Rückzugsort für die Herrschaft. So hatte sich auch Fürst Franz von Anhalt Dessau ab 1773 ein Gotisches Haus im Park von Wörlitz bauen lassen, in dem er lieber wohnte als in seinem nach einem streng palladianischen Entwurf errichteten Schloss. Die Unbefangenheit im Nebeneinander von gotischen Stilen verschiedener Provenienzen ist auch typisch für das Gotische Haus in Wörlitz. Dort folgt die Nordwestfassade exakt dem Aussehen der venezianischen Kirche Madonna dell’Orto, die Südwestfassade ist dagegen der märkischen Backsteingotik verpflichtet.

DIE LANDSCHAFT

Zum Waldschlösschen führte ein in englischer Manier sanft geschwungener Anfahrtsweg von der Radeburger Straße seitlich an die zur Elbe hin gelegene Hauptfassade heran (Stich von G. F. Thormeyer, 1807, abgebildet in Löffler, Das Alte Dresden, 1999, S. 341). Auch von der Elbe aus gab es einen Anfahrtsweg. Das Aussehen der Parkanlage lässt sich aufgrund der großen Veränderungen der Gegend in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr nachvollziehen.
Die südlich des Waldschlösschens gelegene Bautzner Straße jedenfalls wurde erst 1783-86 zur Straße ausgebaut. Zuvor befand sich als Verbindungsweg zwischen dem zur Stadt Dresden hin gelegenen Beginn des Vorwerks am Linckeschen Bade und dem Meisenberg (Waldschlösschenareal) nur ein schmaler Weg. Dieser diente zur Erhaltung einer von Augustinermönchen im Jahr 1476 angelegten Wasserleitung im Schotengrund (siehe: www.ws24.info).

DIE GEGENWART
An der Bautzner Straße entstanden vor allem in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stattliche Villen und westlich des Waldschlösschens das ’Preußische Viertel’. In diesem Viertel wohnten vor allem hohe Militärs, die in der nördlich gelegenen Albertstadt ihren Dienst taten. So wurde die einst offene Landschaft durch eine villenartige Bebauung zu einem der bevorzugten Wohnviertel in Dresden.
Bereits 1836 war das Areal um das Schlösschen von der Waldschlösschenbrauerei erworben worden, die nachfolgend den Elblick des Waldschlösschens durch das Brauereigebäude mit angegliedertem Ausflugslokal verbaut hatte.
Auf den 64.000 qm Fläche des Areals entstand zwischen 1995 und 1997 ein Ensemble aus fünf- bis sechsgeschossigen Büro- und Wohngebäuden, die als in sich geschlossene ’Stadt in der Stadt’ mit einer Funktionsvielfalt aus Büros, Einzelhandelsgeschäften, Praxen, Kino, Hotel und Wohngebäuden konzipiert worden war (siehe: www.hausbau.de).

DIE ZUKUNFT
Das namensgebende Waldschlösschen allerdings dämmert im halbverfallenem Zustand vor sich hin. Auch in diesem Jahr konnte es keinen Käufer finden. Auf einer Immobilien-Versteigerung der Sächsischen Grundstücksauktionen AG in Dresden und Erfurt am 3. und 5 Juni fand es trotz des geringen Kaufpreises von 190.000 Euro keinen Käufer.
In der Nachbarschaft entsteht eine Brücke, für die insgesamt knapp über 150 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Der Bezeichnung Waldschlösschen wird damit bald wohl ähnlich erklärungsbedürftig werden wie das Wort ’Zwinger’ für eines der wichtigsten Ensembles des europäischen Barock. Die Lage an der Stadtmauer, die dem Gebäude den Namen ’Zwinger’ verlieh ist immerhin noch erkennbar. Es ist schon schwieriger das Waldschlösschen als Namensgeber für eine Brauerei/Restaurant sowie eine Brücke überhaupt nur zu finden.

Wo landschaftliche Schönheit und damit die kulturgeschichtliche Einmaligkeit des ersten nach englischen Vorbildern geschaffenen neugotischen Bauwerks in Sachsen zugunsten eines Verkehrszugs verloren gehen, wird allerdings - perspektivisch gesehen - auch die darin geübten Dresdner zukünftig der Phantomschmerz des Verlorenen erfassen.

Nur dieses Mal ist nicht der Zweite Weltkrieg und auch nicht die Baupolitik des Sozialismus der Verursacher. Die Wunde hat sich der Patient in masochistischer Weise selbst zugefügt.

Michael Brey

Alt und Neu im Schloss von Dresden - die Logik der Fragmente

Mittwoch, 04. Juni 2008

Das Dresdner Residenzschloss, 5. Juni 2008

Eindrucksvoll wiederlegt die schon jetzt sichtbare Stahlkonstruktion des neuen Entrees der Staatlichen Kunstsammlungen die vermeintliche Historizität des Dresdner Schlosses. Gestern wurde das Richtfest dieser beeindruckenden, von Peter Kulka entworfenen Zutat zum Schloss gefeiert. Das Schloss mit seinem subtilen Zusammenspiel aus Renaissanceinnenhöfen aus dem sechzehten Jahrhundert und Neorenaissancefassaden aus dem späten neunzehnten Jahrhundert wird damit zur Assemblage aus Großfragmenten verschiedener Zeiten.

Der Schweizer Architekt Bernard Tschumi beschrieb in seinem Buch ‘Event Cities’ die Bedeutung des Fragments in der Architektur mit den Worten: ‘Das Fragment gibt den Elementen Autonomie und macht es gleichzeitig einfacher ihre relative Bedeutung im Gesamtzusammenhang zu erkennen’ (aus dem Englischen, Event Cities, 3. Ausgabe, 1996, S. 305). Als Fragment versteht Tschumi dabei nicht nur im klassischen Sinne kleinräumliche Architekturelemente. Auch über einem großen Raster entstande Gebäude und Ensembles können den Charakter des Fragmentarischen erhalten, wenn ihr früheres Ganzes reduziert und räumlich in einen neuen Zusammenhang gestellt wird.

Spannungsvoll ist nicht nur die Außenansicht der stählernen Rauten im Zusammenspiel mit den steilen Dachfirsten des Schlosses. Noch kontrastreicher dürfte ab Anfang 2009 der Besucher des Dresdner Schlosses die klare Trennung des Renaissanceinnenhofes von der darüber gleichsam frei schwebenden Überdachung empfinden. Da keine Eingriffe in die Substanz der Arkaden des Kleinen Schlosshofes sichtbar vorgenommen werden durften, musste die selbsttragende Überdachung letztlich auf dem Dachfirst zu liegen kommen. Dies bedingt auch die anfangs nicht geplante Höhe der Stahlkonstruktion von 34 Metern und ihre deutliche Sichtbarkeit von außen. Das Gewicht der Kuppel beträgt beträchtliche 84 Tonnen.

Mit der Eröffnung des neuen Entrees des Dresdner Schlosses Anfang 2009 geht der Ausbau der Anlage zum Museumsschloss mächtig voran. Mitte der 1980er Jahre begann man mit ersten Arbeiten im Zusammenhang mit einer geplanten Rekonstruktion, so dass nach 1990 recht schnell mit den ersten sichtbaren Wiederherstellungsarbeiten am Schloss begonnen werden konnte. Bereits am 2. Oktober 1991 konnte der 101m hohen Hausmannsturm vollendet werden. Bis jetzt sind etwa 222 Millionen von bis 2013 geplanten 337 Millionen Euro (DNN, 04.06.08) in den Wiederaufbau geflossen.

Auch bei der Konzeption der Museen (s. Historisches und Neues Grünes Gewölbe) und im Einzelentwurf der Innenräume werden die historischen Schichten weit zurückliegender und zeitgenössischer Elemente glasklar von einander getrennt und sich dabei gegenübergestellt. So kann der Besucher gleichsam beim Simultanblick die spannungsvolle historische Dimension und Poesie der Dresdner Schlossanlage nachempfinden und dem Ensemble mit all seiner Schönheit und seinen Wunden Gerechtigkeit wiederfahren lassen.

Michael Brey

Die ‘Waldschlösschenbrücke’ - Mehrheit für den Brückenbau?

Mittwoch, 11. April 2007

“Mehrheit der Dresdener für Brückenbau”, so heißt es in einer Nachricht auf der 1. Seite der Sächsischen Zeitung am 11.04.2007. In einer Grafik wird veranschaulicht, dass 56 % der Dresdner für den Brückenbau wären, 37 % seien dagegen. Die Fragestellung lautete: “Soll mit dem Bau der Waldschlösschenbrücke begonnen werden?”. Durchgeführt wurde die Umfrage vom Leipziger Institut für Marktforschung.

Dieses Ergebnis erstaunt angesichts der Gesamtstimmung in der Stadt. Trotz der prominenten Platzierung des Umfrageergebnisses und des Umfangs des Artikels werden leider die Grundlagen für die Befragung nicht benannt.

Die Aussage dieser Nachricht ist problematisch. Bei Befragungen sind immer Rückschlüsse von einer Teilmenge auf eine Gesamtheit vorzunehmen. Entscheidend ist, dass der Querschnitt der Befragten eine repräsentative Aussage zulässt. Da keinerlei Informationen zum Hintergrund der Umfrage benannt werden, stellt sich am Ende die Frage nach dem Sinn und Zweck des Artikels.

Der Artikel kommt mit wissenschaftlichem Anspruch daher, steht aber einem meinungsorientierten Leitartikel näher als einer faktenorientierten Nachricht. Es ist zu hoffen, dass der geringe Nachrichtengehalt und der hohe Meinungsgehalt des Textes vom Leserpublikum kritisch zur Kenntnis genommen wird.

Die ‘Waldschlösschenbrücke’ - April, April

Donnerstag, 05. April 2007

Vor fast genau einem Jahr war die Welt in Dresden noch einigermaßen in Ordnung. Wir hatten noch unseren Alten Oberbürgermeister und Dresden war stolz auf seinen Welterbetitel.

Der Oberbürgermeister – inzwischen vom Dienst suspendiert – konstatierte Anfang April 2006, daß in spätestens zehn Jahren ein Neubau des ‚Blauen Wunders’ nötig sei. Diese Elbbrücke verbindet die Stadtteile Blasewitz und Loschwitz und war gerade in „Der Rote Kakadu“ zum Filmstar avanciert. Einen Filmstar sollte man allerdings nicht vorzeitig ins Grab schicken. Warum also dieser schreckenserregende Verweis auf den Verlust eines Dresdner Wahrzeichens.

Ingolf Roßberg reagierte damit auf die von der TU Aachen angefertigte Visualisierung der Waldschlößchenbrücke und wandte sich damit gegen die Kritik der Unesco, diese Brückenplanung gefährde die Integrität des Welterbes. Im Sinne des Verkehrs müsse eine neue Brücke her.

Wie hat sich das Blatt inzwischen gewandelt. Endlich reagiert der Bund auf das Problem in Dresden, das zum Fiasko für das kulturelle Selbstverständnis der Deutschen zu werden droht. In einem Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten optiert ausgerechnet der Bundesverkehrsminister für eine welterbeverträgliche Brückenvariante und bietet sogar an, daß sich der Bund eventuell an den Mehrkosten beteilige.

Damit ist nun ein neues Kapitel eröffnet im Kampf um die Waldschlößchenbrücke und am Ende könnte sowohl die Staatsregierung als auch Dresden als Gewinner dastehen, was momentan aufgrund der divergierenden Haltung beider Seiten zum Brückenbau noch schwer vorstellbar ist.

Michael Brey

Der moderne Faust

Mittwoch, 21. Februar 2007

In seinem Theaterstück ‘Geometry of Miracles’ (1998) beschreibt der kanadische Autor Robert Lepage Frank Lloyd Wright als einen Art modernen Faust. In der Wüste von Arizona trifft im Jahr 1929 der Architekt auf den Teufel. Frank Lloyd Wright sitzt vor seinem Zeichenpult, der Teufel will wissen, wer er sei: “Ich bin der größte lebende Architekt, und habe alles bereits erforscht, was es in meinem Beruf zu erforschen gibt.”

Die Lichtgestalt der Architektur vernimmt nichts von den dunklen Wünschen des Anderen. Der Teufel will einen Pakt mit dem Genie schließen. So stellt er die Frage: “Wie kann man aus einer geraden Linie eine dreidimensionale Form machen?” Er verspricht Frank Lloyd Wright die Jugend wieder zu geben, wenn er diese Frage beantworten könne. Mit den Worten “That’s easy” zeichnet Wright eine Spirale. Das Lösen dieser im Jahre 1929 teuflischen Aufgabe (Architektur der Geometrie und Sachlichkeit!) wäre eine Erklärung - aber eben keine besonders rationale - für den erstaunlichen Spätruhm Wrights.

Wahrscheinlich hat der Teufel aber den menschlichen Ausspruch “Alle guten Dinge sind drei” nicht gekannt. Sonst hätte er Wright viel eher gefragt, wie man aus den drei Dimensionen einer Spirale eine Dimension entferne. Hätte Wright, der für seine Spirale im Guggenheim Museum in New York berühmt wurde, diesen Frevel wirklich auf sich genommen?

Jetzt, in nach-dekonstruktivistischer Zeit ist alles möglich. Seien wir auf der Hut!

Michael Brey