
An kaum einer Stelle stehen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Dresden unversöhnlicher gegenüber als am Dresdner Waldschlösschen.
Wieder ein Artikel über die Waldschlösschenbrücke, werden Sie sagen. Auch wenn es Unsägliches über den Verlauf dieses Projekts zu sagen gäbe, wollen wir hier den Blick auf Wesentlicheres lenken.
GRAF MARCOLINI
Kehren wir in die Napoleonische Zeit zurück. Graf Marcolini (1739-1814), der ehemalige Silberpage des späteren sächsischen Königs, der sich seinen Grafentitel wohl selbst zugelegt hatte, war zum mächtigen Kabinettsminister und zur entscheidenden Figur über das Schicksal Sachsen geworden. Wie verhängnisvoll der starke Einfluss des Emporkömmlings auf den schwachen sächsischen Herrscher war, beschreibt der ehemalige Generaladjutant des Königs, Ferdinand von Funck, in seinem lesenwerten Buch ’Im Banne Napoleons’.
GRÄFIN MARCOLINI
Graf Marcolini ließ im Jahr 1790 das Waldschlösschen als Jagdhaus für seine Frau bauen. Marie Anne Gräfin Marcolini, die er 1778 geheiratet hatte, war eine geborene Baronesse O’Kelly. Die Familie stammte ursprünglich aus Irland, hatte sich aber verarmt in Böhmen niedergelassen. Obwohl die Gräfin sich ihrer Umgebung gerne als Engländerin darstellte, ist es noch nicht einmal zu klären, ob sie in Irland oder auf dem Kontinent geboren ist.
Ferdinand von Funck beschreibt sie erbarmungslos: “Sie ist lang und wohlgewachsen, und ohne schön zu sein, konnte sie in ihrer Jugend hübsch genannt werden. eine sogenannte Physiognomie de caprice mit lebhaften Augen, einer Stumpfnase und aufgeworfenen Lippen ließ mehr Geist erwarten als die nähere Bekanntschaft zeigte. Ihre Haltung war vernachlässigt, ihr Anstand gewöhnlich, ihr Kopf leer, und die Erziehung hatte ihr nicht einmal das Benehmen der feineren Welt geben können. Was Geist bei ihr zu sein schien, war im Grunde nur Unbesonnenheit, die so lange sie von der ersten Jugend unterstützt wird, zuweilen nicht übel kleidet” (Funck, Im Banne Napoleons, 1928, S. 111).
DAS WALDSCHLÖSSCHEN
1785 hatte der Kabinettminister und Generaldirektor der Kunstakademie und der Porzellanmanufaktur, Graf Marcolini, ein 1764 als Eisen-, Schmelz- und Gußwerk des Dresdner Zeughauses errichtetes Gebäude mitsamt den dazugehörigen Flächen gekauft und in den folgenden Jahren zum Mustergut umgebaut. Er folgte dabei Ideen der ’ornamented farm’ (Engl. für ’geschmücktes Bauerngut’). Dieses aus England stammende Konzept sah vor, die durch eine Parkanlage verschönerte Landschaft zugleich wirtschaftlich nutzbar zu machen durch zahlreiche bäuerliche Einrichtungen. So entstanden im Marcolinischen Vorwerk Hopfenpflanzungen, Getreidefelder und Obstwiesen. Auch ein Jagdpark zur Versorgung der Hofjagden mit Tieren wurde eingerichtet.
Die verschiedenen Einrichtungen des Vorwerks waren über das ganze Gelände zwischen dem Linckeschen Bad im Westen und dem Waldschlösschen im Osten verteilt. Aufgrund der landschaftlich ausgezeichneten Lage und der Nähe der für die Hofjagden genutzten Dresdner Heide, entstand an der höchsten Stelle des Gutes ein kleiner Landschaftspark mit dem 1790 entstandenen Waldschlösschen auf einer leichten Anhöhe des Meisenbergs.
Die belvedereartige Lage des Schlosses, sowie sein annähernd quadratischer Grundriss und die Ausprägung der neogotischen Architekturelemente zeigen eine enge Verwandschaft mit zeitgenössischen irischen Schlösschen wie Luggula in den Wicklow Mountains. Als dieses Schloss um 1790 entstanden ist, wurde es als ’cottage mansion … in the pointed style’ (engl. für ’Bauernhaus-Schlösschen im Spitzbogenstiel’) beschrieben. Diese Bauten sollten explizit nicht die Vornehmheit der Hauptgebäude ausstrahlen, da sie nicht zum längeren Aufenthalt der Herrschaft gedacht waren. Oft waren sie, wie das Waldschlösschen in Dresden und das Schlösschen Lugulla vor allem für Aufenthalte während und nach größeren Jagden vorgesehen.
Meist lagen diese Bauten in einer bezaubernd schönen Landschaft. In Irland hat sich die Landschaft erhalten, so dass man dort 1981 sogar Szenen des Films ’Excalibur’ drehte.
Der mit dem Bau des Waldschlösschens beauftragte Architekt Johann Daniel Schade hatte englische Vorlagenbücher verarbeitet und Elemente der englischen Kloster- und Burgengotik mit Gliederungen venezianischer Palazzi verbunden. Dieses phantasievolle Mischung eigentlich nicht zusammengehöriger Elemente machen gerade das Malerische der Gebäude und die Attraktivität für die aus der Enge ihrer Schlösser fliehenden Besitzer aus.
Derartige Schlösschen dienten nicht nur als räumlicher sondern auch als geistiger Rückzugsort für die Herrschaft. So hatte sich auch Fürst Franz von Anhalt Dessau ab 1773 ein Gotisches Haus im Park von Wörlitz bauen lassen, in dem er lieber wohnte als in seinem nach einem streng palladianischen Entwurf errichteten Schloss. Die Unbefangenheit im Nebeneinander von gotischen Stilen verschiedener Provenienzen ist auch typisch für das Gotische Haus in Wörlitz. Dort folgt die Nordwestfassade exakt dem Aussehen der venezianischen Kirche Madonna dell’Orto, die Südwestfassade ist dagegen der märkischen Backsteingotik verpflichtet.
DIE LANDSCHAFT
Zum Waldschlösschen führte ein in englischer Manier sanft geschwungener Anfahrtsweg von der Radeburger Straße seitlich an die zur Elbe hin gelegene Hauptfassade heran (Stich von G. F. Thormeyer, 1807, abgebildet in Löffler, Das Alte Dresden, 1999, S. 341). Auch von der Elbe aus gab es einen Anfahrtsweg. Das Aussehen der Parkanlage lässt sich aufgrund der großen Veränderungen der Gegend in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr nachvollziehen.
Die südlich des Waldschlösschens gelegene Bautzner Straße jedenfalls wurde erst 1783-86 zur Straße ausgebaut. Zuvor befand sich als Verbindungsweg zwischen dem zur Stadt Dresden hin gelegenen Beginn des Vorwerks am Linckeschen Bade und dem Meisenberg (Waldschlösschenareal) nur ein schmaler Weg. Dieser diente zur Erhaltung einer von Augustinermönchen im Jahr 1476 angelegten Wasserleitung im Schotengrund (siehe: www.ws24.info).
DIE GEGENWART
An der Bautzner Straße entstanden vor allem in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stattliche Villen und westlich des Waldschlösschens das ’Preußische Viertel’. In diesem Viertel wohnten vor allem hohe Militärs, die in der nördlich gelegenen Albertstadt ihren Dienst taten. So wurde die einst offene Landschaft durch eine villenartige Bebauung zu einem der bevorzugten Wohnviertel in Dresden.
Bereits 1836 war das Areal um das Schlösschen von der Waldschlösschenbrauerei erworben worden, die nachfolgend den Elblick des Waldschlösschens durch das Brauereigebäude mit angegliedertem Ausflugslokal verbaut hatte.
Auf den 64.000 qm Fläche des Areals entstand zwischen 1995 und 1997 ein Ensemble aus fünf- bis sechsgeschossigen Büro- und Wohngebäuden, die als in sich geschlossene ’Stadt in der Stadt’ mit einer Funktionsvielfalt aus Büros, Einzelhandelsgeschäften, Praxen, Kino, Hotel und Wohngebäuden konzipiert worden war (siehe: www.hausbau.de).
DIE ZUKUNFT
Das namensgebende Waldschlösschen allerdings dämmert im halbverfallenem Zustand vor sich hin. Auch in diesem Jahr konnte es keinen Käufer finden. Auf einer Immobilien-Versteigerung der Sächsischen Grundstücksauktionen AG in Dresden und Erfurt am 3. und 5 Juni fand es trotz des geringen Kaufpreises von 190.000 Euro keinen Käufer.
In der Nachbarschaft entsteht eine Brücke, für die insgesamt knapp über 150 Millionen Euro zur Verfügung stehen.
Der Bezeichnung Waldschlösschen wird damit bald wohl ähnlich erklärungsbedürftig werden wie das Wort ’Zwinger’ für eines der wichtigsten Ensembles des europäischen Barock. Die Lage an der Stadtmauer, die dem Gebäude den Namen ’Zwinger’ verlieh ist immerhin noch erkennbar. Es ist schon schwieriger das Waldschlösschen als Namensgeber für eine Brauerei/Restaurant sowie eine Brücke überhaupt nur zu finden.
Wo landschaftliche Schönheit und damit die kulturgeschichtliche Einmaligkeit des ersten nach englischen Vorbildern geschaffenen neugotischen Bauwerks in Sachsen zugunsten eines Verkehrszugs verloren gehen, wird allerdings - perspektivisch gesehen - auch die darin geübten Dresdner zukünftig der Phantomschmerz des Verlorenen erfassen.
Nur dieses Mal ist nicht der Zweite Weltkrieg und auch nicht die Baupolitik des Sozialismus der Verursacher. Die Wunde hat sich der Patient in masochistischer Weise selbst zugefügt.
Michael Brey