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‘Wallenstein’ in Leipzig

Montag, 05. März 2007

In Dresden ist der ideale Aufführungsort für den Wallenstein der liebliche ‘Schillergarten’ an der Elbe, wo Schiller sich in die ‘Gustl von Blasewitz’ verguckt hat.

Siebenhundert Zuschauer haben nun am Wochenende den Auftakt zu Schillers ‘Wallenstein’ in Leipzig am Völkerschlachtsdenkmal erlebt, das in blaues Licht getaucht war. Ungewöhnlich war die gesamte Inszenierung der Trilogie durch Wolfgang Engel, der sie an drei unterschiedlichen Orten spielen ließ. Auch für den Abschluss hat er sich das Völkerschlachtsdenkmal ausgesucht. So wie Wallenstein am Ende noch einmal glaubt ein vom Schicksal Auserwählter zu sein, so steht das Völkerschlachtsdenkmal für die Selbstvergewisserung eines ganzen Volkes angesichts des nahestehenden Untergangs. Was für eine dramatische Ironie doch das Leben eines einzelnen Menschen wie zuweilen auch ganze Völker bühnentauglich bzw. Architekturwürdig macht.

Über Schillers Wallenstein sind wir alle noch aus Schulzeiten gut unterrichtet. Das Völkerschlachtsdenkmal hat es noch nicht so weit geschafft, obwohl es eigentlich bestes Anschauungsmaterial für geisteswissenschaftliche Betrachtungen aller Art bietet. Deshalb nun ein paar Gedanken zu diesem den Deutschen von heute mehrheitlich eher peinlichen Bauwerk.

Zwischen 1897 und 1913 wurde das Völkerschlachtsdenkmal vom Architekten Bruno Schmitz als ein Projekt von nationaler Bedeutung erbaut. Zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht, am 18. Oktober 1813, wurde es eingeweiht.

Denkmäler, die deutsche Geschichte im heroischen Sinne erfahrbar machen sollten, sind im neunzehnten Jahrhundert in großer Zahl entstanden. Leo von Klenzes Wahlhalla oder die Befreiungshalle bei Kehlheim sind frühe Beispiele. Das nach dem zweiten Weltkrieg gesprengte Kaiser-Wilhelm Denkmal in Berlin und das Kyffhäuser-Denkmal entstanden kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Bei früheren Denkmälern wurde die Stilfrage eher konventionell gelöst, mal neugotisch oder klassizistisch oder sogar neobarock, wie im Falle des Kaiser Wilhelm Denkmals. Am Kyffhäuser konnte man sich an der dort bestehenden Burgruine orientieren.

Anders nun das Leipziger Projekt, das ganz siegdeutsch aussehen und die deutsche Nation als Verkörperung der europäischen Urnation feiern sollte. Klassizistische Säulen früherer Entwürfe wurden eliminiert, der Bau wurde archaisiert und in den Formen zyklopisch vereinfacht.

Damit entzieht sich das Gebäude einer jeden stilgeschichtlichen Einordnung. Ich möchte jetzt aber nicht als Kunsthistoriker sprechen, sondern ein historisches Experiment machen.

Ziemlich genau zwei Jahre vor der Eröffnung des Völkerschlachtsdenkmals ist Wilhelm Dilthey in Seis bei Bozen gestorben. Er gehörte wohl nicht zu den Patrioten, die voller Begeisterung für das Nationaldenkmal spendeten.

Dilthey hatte 1883 mit seinem Werk “Einleitung in die Geisteswissenschaften” den Grundstein gelegt für das Konzept der Geisteswissenschaften als einer “Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen”. Er wendet sich dort gegen die dominierende Rolle der Naturwissenschaften in den wissenschaftstheoretischen Konzepten des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Wissenschaft ist für ihn Erfahrungswissenschaft. Historische Erkenntnisse lassen sich gewinnen, indem man eine Zeit zergliedert und nacherlebt. Damit hat Dilthey sich gegen jegliche ’Konstruktion’ von Geschichtsbildern gewandt wie sie gerade im Völkerschlachtsdenkmal zum Ausdruck kommen.

Hier lohnt es sich kurz inne zu halten. Transportiert das Völkerschlachtsdenkmal wirklich ein fest gefügtes Geschichtsbild? Wo sind die ansonsten üblichen Anspielungen auf Herrschergestalten. Warum erscheinen die siegreichen Gegner Napoleons nicht im Bild? Deshalb, weil man nicht nur deutsche Herrscher hätte zeigen können, sondern auch auf die beteiligten Österreicher und Russen hätte verweisen müssen? Vielleicht.

Für uns heute ist das Denkmal jedenfalls ein deutlicher Ausdruck des übersteigerten Irrationalismus und des Nihilismus einer Gesellschaft, die eher abtauchen will in historische und gesellschaftliche, oft als ‘völkisch’ bezeichnete Konstrukte. Diese Geschichtsklitterung ist nicht im Konkreten angesiedelt, sondern ein Rückgriff auf Vorstellungen, die sich auf Mythisches beziehen, und in ihrer fehlenden Konsistenz in diesem Denkmal paradoxerweise geradezu in materialisierter Form erscheinen.

Nun aber wieder zurück zu unserem kritischen Begleiter Dilthey. Wo hätten wir gemeinsam mit ihm wohl diesen Prototyp eines ’Germanischen Volkes’ gesucht, vielleicht auf der zugigen Aussichtsplattform des Völkerschlachtsdenkmals? Egal wo, wir hätten ihn nicht gefunden und hätten diesen Herrn namens ‘Deutsches Volk’ den ungläubigen Herrn mit der schmucken Uniform auf dem Polizeirevier als vermisst melden müssen. Da ihn bei der Eröffnungsfeier aber niemand vermisst, musste das ‘Deutsche Volk’ das Schicksal Wallensteins teilen.

Lassen Sie uns vielleicht an dieser Stelle schließen. Der Rückblick ist natürlich immer einfacher als die Sicht der Zeitgenossen. Wahrscheinlich hätten wir uns an jenem denkwürdigen 18. Oktober einfach vor den riesigen ’Reflektionsteich’ vor dem Denkmal gestellt und gesehen, wie die Spiegelung dieses Riesenbaus langsam verschwimmt.

Michael Brey

Tim Fischer in Dresden - Adam Schaf hat Angst

Montag, 26. Februar 2007

Am Ende der Vorstellung gab es stehende Ovationen. Nicht enden wollend - begeisterter Applaus für ein Stück an dessen Ende das Ende der Poesie gefordert wird. Wenn Tim Fischer die Wortwelt Georg Kreislers aufnimmt, ’nichtarische Arien’ über das ’Taubenvergiften im Park’ singt, dann entsteht Musik zum Fürchten und Hoffen zugleich.

Unter dem Motto ’Adam Schaf hat Angst’ lässt ein alter Schauspieler sein Leben Revue passieren. Er ist wirklich alt, hat eine zersauste graue Haarmähne und geht gebrochen auf der Bühne umher. Zwei Stunden hat er - in veränderten Rollen wieder jung geworden - Zeit sich zu erinnern und zu vergessen, bevor er auf der Bühne als Haushofmeister seinen schweren Stock auf den Boden schlagen darf. Zwei Stunden hört das Publikum von verlogenen Rollen, von der abtötenden Gewohnheit des Gelebtwerdens, vom ’Arschkriechen’ als Erfolgsrezept des deutschen Staatsbeamten und der Politiker, vom Weg zur Arbeit, von Chefs und Nicht-Chefs, vom schwulen Sekretär, vom Lachen, von Liebe und Sex. Es werden Fragen gestellt und auf überraschende Weise beantwortet und als Höhepunkt des Ganzen singt Fischer zu Mozarts ’Kleiner Nachtmusik’ vom Sinn des Theaters/der Oper: Augen Aufmachen und sich umsehen oder Augen Zumachen und durch. Bloß Nicht Hinhören, blos kein Bruckner, Mahler, Hindemith etc., da könnte man Hinhören müssen. Mozart und Nicht Hinhören…, da geht der Theatergenuß grad noch. Derart beschwingt verlief dieser Abend als eigentlich bitterböse Satire auf die Bühne und das Leben.

Fischer hat mit diesem Stück 2002/2003 am Berliner Ensemble riesige Erfolge gefeiert. Obwohl das Stück nicht so unter die Haut geht wie andere Kreisler-Interpretationen von Fischer, so ist es wahrscheinlich aufgrund der Leichtigkeit so erfolgreich, die dem Gallig-Bitteren der Kreisler Texte gegeben wird.

Nachdem Tim Fischer im letzten Jahr gleich zwei Mal in Dresden war, gibt es auf jeden Fall Hoffnung, dass es auch 2007 zu einem zweiten Auftritt in Dresden kommt!

Das Stück wurde aufgeführt im Dresdner Staatsschauspiel am 25.02.2007.

Michael Brey